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Urteil Obergericht des Kantons Zürich (ZH)

Kopfdaten
Kanton:ZH
Fallnummer:SB200503
Instanz:Obergericht des Kantons Zürich
Abteilung:II. Strafkammer
Obergericht des Kantons Zürich Entscheid SB200503 vom 06.10.2021 (ZH)
Datum:06.10.2021
Rechtskraft:-
Leitsatz/Stichwort:Versuchte vorsätzliche Tötung (Rückweisung des Schweizerischen Bundesgerichtes)
Schlagwörter : Schuldig; Beschuldigte; Privatkläger; Beschuldigten; Schwer; Steuerung; Berufung; Privatklägers; Psychotisch; Steuerungsfähigkeit; Digung; Schuld; Psychotische; Weiter; Erhalten; Seiner; Kosten; Achten; Schwere; Gericht; Stellt; Führt; Spreche; Zürich; Berufungsverfahren; Alkohol; Gewesen
Rechtsnorm:Art. 22 StGB ; Art. 135 StPO ; Art. 429 StPO ; Art. 90 StPO ; Art. 19 StGB ; Art. 112 StGB ; Art. 114 StGB ; Art. 111 StGB ; Art. 15 StGB ; Art. 2 StGB ; Art. 46 StGB ; Art. 48 StGB ; Art. 47 StGB ;
Referenz BGE:141 IV 369; 144 IV 345; 136 IV 55; 123 IV 49; 121 IV 49; 136 IV 1; 134 IV 1;
Kommentar zugewiesen:
Spühler, Basler Kommentar zur ZPO, Art. 321 ZPO ; Art. 311 ZPO, 2017
Weitere Kommentare:
Entscheid

Obergericht des Kantons Zürich

II. Strafkammer

Geschäfts-Nr.: SB200503-O/U/as

Mitwirkend: Oberrichter lic. iur. Spiess, Präsident, die Oberrichterinnen lic. iur.

Schärer und lic. iur. Bertschi sowie die Gerichtsschreiberin MLaw Höchli

Urteil vom 6. Oktober 2021

in Sachen

  1. ,

    Beschuldigter und Erstberufungskläger

    verteidigt durch Rechtsanwalt lic. iur. X1. , verteidigt durch Rechtsanwalt lic. iur. X2. ,

    gegen

  2. ,

Privatkläger und Zweitberufungskläger

unentgeltlich vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Y. ,

sowie

Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich,

Anklägerin und Berufungsbeklagte

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung (Rückweisung des Schweizeri- schen Bundesgerichtes)

Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 9. Abteilung, vom
11. November 2015 (DG150153), Urteil des Obergerichtes des Kantons Zü- rich, II. Strafkammer, vom 3. Oktober 2019 (SB150505), Urteil des Bundesge- richtes, Strafrechtliche Abteilung, vom 19. November 2020 (6B_1363/2019)

Anklage:

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 8. Mai 2015 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 36).

Urteil der Vorinstanz:

  1. Der Beschuldigte ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.

  2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 7 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 321 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind. Es wird davon Vormerk genom- men, dass sich der Beschuldigte seit dem 5. Januar 2015 im vorzeitigen Strafvollzug befindet.

  3. Die Strafe wird vollzogen.

  4. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach vollumfänglich schadener- satzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadener- satzanspruches wird der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses ver- wiesen.

  5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger CHF 25'000 zuzüglich 5 % Zins ab 18. Februar 2014 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.

    Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte bereits CHF 20'000 bezahlt hat.

  6. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 11. Mai 2015 beschlagnahmten Kleidungsstücke des Beschuldigten

    • Jacke, schwarz, „s.Oliver“, A006‘862‘971

    • T-Shirt, schwarz, „GREYSTONE“, A006‘862‘982

    • Jeanshose, blau, „TOMMY HILFIGER“, A006‘863‘009

    • 1 Paar Sportschuhe, schwarz/weiss, „adidas SAMBA“, A006‘863‘010

    • 1 Strick Handschuh, schwarz, A006‘863‘043

      werden nach Eintritt der Rechtskraft dem Beschuldigten auf erstes Verlan- gen herausgegeben. Bei Nichtabholung innert drei Monaten ab Eintritt der Rechtskraft werden die Kleidungsstücke durch die Lagerbehörde vernichtet.

  7. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 11. Mai 2015 beschlagnahmten Kleidungsstücke des Privatklägers

    • Jacke, schwarz, „ZARA MAN“, A006‘863‘065

    • Pullover, schwarz, „H&M“, A006‘863‘076

    • Jäckchen, hellgrau, “H&M”, A006’863’087

    • Träger-Unterleibchen, weiss, Gr. 8, A006‘863‘098

    • Hose, schwarz, „CLOCKHOUSE“, ohne Gürtel, A006‘863‘101

    • Gürtel, kariert, pastellgelb, schwarz, rot, „BURBERY“ A006'863'123

    • Unterhose, schwarz, „HOMBRE“, A006‘863‘134

    • 1 Paar Socken, schwarz, A006‘863‘145

    • 1 Paar Sportschuhe, weiss mit roter Umrandung, „CONVERSE“

      A006'863'156

      werden nach Eintritt der Rechtskraft durch die Lagerbehörde vernichtet.

  8. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:

    Fr. 8'000.00; die weiteren Kosten betragen: Fr. 5'000.00 Gebühr Anklagebehörde

    Fr. 26'971.25 Auslagen Untersuchung

    Fr. 2'145.00 Auslagen Stellungnahme Gutachter Fr. 12'748.30 unentgeltlicher Rechtsbeistand

    Fr. 16'000.00 amtliche Verteidigung (Akontozahlungen) Fr. 13'230.55 amtliche Verteidigung

    Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.

  9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, inklusive diejenigen der amtlichen Verteidigung sowie des unentgeltlichen Rechtsbei- standes des Privatklägers, werden dem Beschuldigten auferlegt.

  10. Rechtsanwalt lic. iur. X2. wird für seine Bemühungen und Barausla- gen als amtlicher Verteidiger (unter Berücksichtigung der bereits erhaltenen Akontozahlungen in der Höhe von CHF 16'000) mit CHF 13'230.55

    (inkl. Mwst.) aus der Gerichtskasse entschädigt.

  11. Rechtsanwalt lic. iur. Y. wird für seine Bemühungen und Barauslagen als unentgeltlicher Rechtsbeistand des Privatklägers mit CHF 12'748.30 (inkl. Mwst.) aus der Gerichtskasse entschädigt.

Berufungsanträge erstes Berufungsverfahren:

  1. Der Verteidigung des Beschuldigten: (Urk. 105 S. 35; Urk. 163 S. 1)

    1. A. sei zufolge Schuldunfähigkeit freizusprechen.

    2. Für den Fall, dass Sie die Schuldunfähigkeit wider Erwarten verneinen, sei er eventualiter wegen versuchter Tötung mit einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten zu bestrafen, wovon 12 Monate unbe- dingt auszufällen und 18 Monate bedingt zu gewähren seien.

    3. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Geschädigten eine Genug- tuung von Fr. 25'000.- zuzüglich 5% Zins ab dem 18. Februar 2014 zu bezahlen und es sei vorzumerken, dass er bereits eine Zahlung von Fr. 20'000.- geleistet hat. Die Schadenersatzpflicht des Beschuldigten gegenüber dem Privatkläger sei nach den Grundsätzen der Billigkeit durch das Gericht zu beurteilen und zu entscheiden; eventualiter sei das Schadenersatzbegehren des Privatklägers zufolge Illiquidität auf den Zivilweg zu verweisen.

    4. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien auf die Staatskasse zu nehmen und es sei dem Beschuldigten für das Berufungsverfahren ei- ne vom Gericht festzusetzende Entschädigung für die angefallenen Verteidigungskosten auszurichten.

    5. Das erstinstanzliche Kostendispositiv sei aufzuheben und die Kosten der psychiatrischen Begutachtung, die Kosten sämtlicher Gutachten des Institutes für Rechtsmedizin (pharmakologisch-toxikologischen Gutachten des Institutes für Rechtsmedizin [act. 17/7 und 18/7], der ärztlichen Berichte zur Blutalkoholanalyse [act. 17/11 und 18/9] und des morphometrischen Gutachtens vom 5.3.2015 [19/17]) sowie die Kosten der amtlichen Verteidigung seien auf die Staatskasse zu neh- men. Die übrigen Untersuchungs- und Gerichtskosten seien dem Beschuldigten aufzuerlegen.

    6. Für die erlittene Haft sei der Beschuldigte angemessen zu entschädi- gen. Darüber hinaus sei er aus der Sicherheitshaft zu entlassen.

  2. Des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich: (Urk. 101/2+3)

    1. Die Berufung des Beschuldigten gegen das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 11. November 2015 sei vollumfänglich abzuweisen und das Urteil der Vorinstanz sei zu bestätigen.

    2. Die Beweisanträge des Beschuldigten vom 15. April 2016 seien abzu- weisen.

  3. Des Vertreters des Privatklägers: (Urk. 102 S. 1; Urk. 158/1 S. 1)

    1. In Abänderung von Ziff. 5 des angefochtenen Urteils sei der Beschul- digte zu verpflichten, dem Privatkläger CHF 40'000.00 zuzüglich 5% Zins ab 18. Februar 2014 als Genugtuung zu bezahlen. Es sei davon Vormerk zu nehmen, dass der Beschuldigte bereits CHF 20'000.00 be- zahlt hat.

    2. Die Kosten des Berufungsverfahrens, inklusive diejenigen des unent- geltlichen Rechtsbeistandes des Privatklägers, seien dem Beschuldig-

ten aufzuerlegen und RA lic. iur. Y. sei für seine Bemühungen und Barauslagen im Berufungsverfahren mit einem gemäss heute ein- gereichter Kostennote unter Berücksichtigung der heutigen tatsächli- chen Verfahrensdauer festzusetzenden Betrag aus der Gerichtskasse zu entschädigen.

Urteil und Beschluss des Obergerichts des Kantons Zürich vom 3. Oktober 2019

(Urk. 168)

Es wird beschlossen:
  1. Es wird festgestellt, dass das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich vom 11. No- vember 2015 bezüglich der Dispositivziffern 6 und 7 (Verwendung be- schlagnahmter Kleidungsstücke) sowie 10 und 11 (Honorar amtlicher Ver- teidiger und unentgeltlicher Rechtsbeistand) in Rechtskraft erwachsen ist.

  2. Schriftliche Mitteilung mit nachfolgendem Urteil.

Es wird erkannt:
  1. Der Beschuldigte A.

    ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung

    im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.

  2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 4 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 876 Tage durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft sowie vorzeitigen Strafvollzug bis und mit 12. Juli 2016 erstanden sind.

  3. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatz nach vollumfänglich schadener- satzpflichtig ist. Zur genaueren Feststellung des Schadenersatzanspruches wird der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.

  4. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Fr. 40'000.- zuzüglich 5 % Zins seit 18. Februar 2014 als Genugtuung zu bezahlen. Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte bereits Fr. 20'000.- bezahlt hat.

  5. Die vom Beschuldigten geleistete und bei der Kasse des Obergerichts Zü- rich lagernde Sicherheit in der Höhe von Fr. 30'000.- bleibt unter Beschlag. Sie verfällt dem Kanton Zürich, sofern sich der Beschuldigte dem Vollzug der Freiheitstrafe entzieht und wird freigegeben, sobald der Beschuldigte die Freiheitsstrafe angetreten hat.

  6. Die erstinstanzliche Kostenfestsetzung (Ziff. 8) wird bestätigt.

  7. Die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen gerichtlichen Ver- fahrens, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung und der un- entgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft werden auf die Gerichtskasse genommen. Die Rückzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt vorbehalten.

  8. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf: Fr. 6'000.- ; die weiteren Kosten betragen:

    Fr. 11'118.25 unentgeltliche Vertretung Privatklägerschaft Fr. 18'048.59 Gutachten Dr. med. C.

    Fr. 3'366.- Stellungnahme Dr. med. D.

  9. Die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme derjenigen der unent- geltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten zu drei Vierteln auferlegt und zu einem Viertel auf die Gerichtskasse genom- men. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft wer- den auf die Gerichtskasse genommen. Die Rückzahlungspflicht des Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt im Umfang von drei Vierteln vorbehalten.

  10. Dem Beschuldigten wird für das Berufungsverfahren eine reduzierte Pro- zessentschädigung von Fr. 7'800.- aus der Gerichtskasse zugesprochen. Das Verrechnungsrecht des Staates bleibt vorbehalten.

    Berufungsanträge zweites Berufungsverfahren:

    Der Verteidigung des Beschuldigten: (Urk. 190 S. 3)

    1. Der Beschuldigte sei mit 22 Monaten Freiheitsstrafe zu bestrafen, unter Anrechnung von 876 Tagen erstandener Haft.

    1. Es sei dem Beschuldigten der bedingte Strafvollzug zu gewähren, un- ter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren.

    2. Für die erstandene Überhaft sei der Beschuldigte angemessen aus der Gerichtskasse zu entschädigen.

    3. Die Kosten des zweiten Berufungsverfahrens seien auf die Staatskas- se zu nehmen und der Beschuldigte sei gestützt auf Art. 429 StPO für den entstandenen Verteidigungsaufwand zu entschädigen.

    4. Die Kosten der vormaligen amtlichen Verteidigung und der unentgeltli- chen Vertretung der Privatklägerschaft seien auf die Gerichtskasse zu nehmen, wie auch die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Pri- vatklägerschaft in diesem zweiten Berufungsverfahren.

    5. Die Kosten des ersten Berufungsverfahrens seien hälftig auf die Ge- richtskasse zu nehmen und zur Hälfte dem Beschuldigten aufzuerle- gen. Die Prozessentschädigung für das erste Berufungsverfahren sei gemäss dem neuen Kostenverteiler angemessen zu erhöhen.

    6. Die Fluchtkaution von CHF 30'000 sei dem Beschuldigten nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils zurückzuerstatten.

Urteil des Bundesgerichts vom 19. November 2020

(Urk. 182)

  1. Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 3. Oktober 2019 im Strafpunkt aufgehoben und die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen. Im Übri- gen wird die Beschwerde abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

  2. Dem Beschwerdeführer werden Gerichtskosten von Fr. 1'500.- auferlegt.

  3. Der Kanton Zürich hat den Beschwerdeführer für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr. 1'500.- zu entschädigen.

Erwägungen:

1. Mit Urteil vom 11. November 2015 sprach das Bezirksgericht Zürich den Beschuldigten der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig, bestrafte ihn mit einer Freiheitsstrafe von 7 Jahren, entschied über das Schadenersatz- und Genugtu- ungsbegehren des Privatklägers, die Verwendung beschlagnahmter Kleidungs- stücke sowie die Kostenfolgen und die Entschädigung von Rechtsanwalt lic. iur. X2. für seine Bemühungen als amtlicher Verteidiger des Beschuldigten und des unentgeltlichen Rechtsbeistandes des Privatklägers (Urk. 83 S. 76 ff.; Prot. I S. 5).

      1. Gegen das Urteil erhob der Beschuldigte Berufung mit dem Antrag auf Frei- spruch zufolge Schuldunfähigkeit (Urk. 86; Urk. 87; Art. 399 Abs. 2 i.V.m. Art. 90 StPO). Weitere Berufungen oder Anschlussberufungen wurden nicht erhoben. Mit Eingabe vom 15. April 2016 liess der Beschuldigte diverse Beweisanträge stellen (Urk. 91). Am 10. Juni 2016 zog er die Berufung namens und im Auftrag des Beschuldigten teilweise zurück (Urk. 94). Mit Eingabe vom 27. Juni 2016 präzisierte er den Umfang des Berufungsrückzuges (Urk. 96).

      2. Die Berufungsverhandlung fand am 12. Juli 2016 statt (Prot. II S. 4 ff.). Glei- chentags wurde der Beschuldigte gegen Leistung einer Fluchtkaution aus der Si- cherheitshaft entlassen (Urk. 107 ff.). Am 9. August 2016 beschloss die Kammer, ein ärztliches Zweitgutachten über die Schuldfähigkeit des Beschuldigten zur Zeit der Tat bei Prof. Dr. med. E. einzuholen (Urk. 110). Die Instruktion des Gutachters erfolgte unter dem 29. August 2016 schriftlich (Urk. 116; vgl. auch Urk. 113 und 115). In der Folge stellte sich heraus, dass Prof. Dr. med. E. nicht in der Lage sein würde, die Begutachtung durchzuführen. Mit Beschluss vom 4. November 2016 wurde deshalb unter dem Vorbehalt begründeter Einwen- dungen seitens der Verfahrensbeteiligten in der Person von Dr. med. C. ei- ne neue Zweitgutachterin bestellt (Urk. 122). Dagegen opponierte der Privatkläger unter Hinweis darauf, dass Dr. med. C. mit der schweizerischen Gesetzge- bung nicht vertraut sei und keinerlei Erfahrung für die Begutachtung in schweize-

rischen Strafverfahren besitze (Urk. 124). Der damit verbundene Antrag auf Ein- setzung einer von ihm vorgeschlagenen Person als Zweitgutachter wies die Kammer mit Beschluss vom 29. November 2016 ab (Urk. 126). Die schriftliche In- struktion der Gutachterin erfolgte gleichentags (Urk. 128). Am 21. Juni 2017 ging das vom 18. Juni 2017 datierende Gutachten in der Folge hierorts ein (Urk. 132). Das Berufungsverfahren wurde daraufhin mit Zustimmung der Parteien schriftlich fortgesetzt (Urk. 135 ff.). Die fristgerecht eingereichten schriftliche Stellungnah- men des Beschuldigten und des Privatklägers zum Gutachten liegen als Urk. 139 und 141 bei den Akten. Die Staatsanwaltschaft liess sich nicht vernehmen. Mit Beschluss vom 16. Februar 2018 ordnete die Kammer die Verbesserung und Er- gänzung des psychiatrischen Zweitgutachtens vom 18. Juni 2017 durch Dr. med. C. an (Urk. 145). Den Auftrag erledigte die Zweitgutachterin mit ihrer Stel- lungnahme zum vorgelegten Gutachten der Unterzeichnerin vom 24. Juli 2018 (Urk. 151). Mit Beschluss vom 10. August 2018 wurden die von der Zweitgutach- terin erstatteten Expertisen dem Erstgutachter zur Beantwortung zweier Fragen zugestellt (Urk. 152). Die Stellungnahme des Erstgutachters ging am 12. Septem- ber 2018 hierorts ein (Urk. 154). Mit Verfügung vom 13. September 2018 wurde dem Beschuldigten und dem Privatkläger daraufhin Frist angesetzt, um ihre Beru- fungsanträgen (abschliessend) zu stellen und gegebenenfalls ihre Berufungsbe- gründungen unter Berücksichtigung der Gutachten zu ergänzen (Urk. 155). Der Privatkläger liess sich in der Folge mit Eingabe vom 8. Oktober 2018, der Beschuldigte mit solcher vom 19. November 2018 vernehmen (Urk. 158; Urk. 163). Die Eingaben wurden den Parteien zwischen dem 21. und 26. November 2018 (wechselseitig) zugestellt (Urk. 164/1-3).

2.2 Mit Urteil der Kammer vom 3. Oktober 2019 wurde der Beschuldigte der ver- suchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen und mit 4 Jahren Freiheitstrafe unter Anrech- nung der erstandenen Haft von 876 Tagen bestraft. Es wurde festgestellt, dass der Beschuldigte dem Privatkläger aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatz nach vollumfänglich schadenersatzpflichtig ist. Zur genaueren Feststellung des Schadenersatzanspruches wurde der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozes- ses verwiesen. Ferner wurde der Beschuldigte verpflichtet, dem Privatkläger eine

Genugtuung in der Höhe von Fr. 40'000.- zuzüglich 5 % Zins seit dem 18. Febru- ar 2014 zu bezahlen, und es wurde von der bereits erfolgten Zahlung von

Fr. 20'000.- Vormerk genommen. Schliesslich wurde über die vom Beschuldigten geleistete Fluchtkaution und die Kosten- und Entschädigungsfolgen des Verfah- rens entschieden und die Rechtskraft von Teilen des erstinstanzlichen Urteils festgestellt (Urk. 168 S. 56 ff.).

  1. Gegen dieses Urteil erhob der Beschuldigte Beschwerde an das Bundesge- richt. Er beantragte dieses aufzuheben und ihn vom Vorwurf der versuchten vor- sätzlichen Tötung infolge Schuldunfähigkeit gestützt auf Art. 19. Abs. 1 StGB frei- zusprechen, eventualiter die Angelegenheit zur Neubeurteilung an das Oberge- richt zurückzuweisen und subeventualiter die Freiheitsstrafe auf 2 ½ Jahre zu re- duzieren. Mit Urteil vom 19. November 2020 hiess das Bundesgericht die Beschwerde teilweise gut, hob das Urteil vom 3. Oktober 2019 im Strafpunkt auf und wies die Sache zu neuer Entscheidung an die Kammer zurück (Urk. 182 S. 3 u. 37).

  2. Das zweite Berufungsverfahren wurde mit Einverständnis der Parteien schriftlich durchgeführt. Der Beschuldigte reichte seine Berufungsbegründung am

3. März 2021 ein (Urk. 190). Die Staatsanwaltschaft erstattete innert der ihr mit Präsidialverfügung vom 8. März 2021 angesetzten Frist (Urk. 192) keine Beru- fungsantwort. Androhungsgemäss ist Verzicht auf eine solche anzunehmen. Die Vorinstanz verzichtete am 11. März 2021 auf eine Vernehmlassung (Urk. 194). Unter dem 28. September 2021 reichte die Verteidigung aufforderungsgemäss ih- re Honorarnote für das zweite Berufungsverfahren ein (Urk. 196 f.).

II.

  1. Heisst das Bundesgericht eine Beschwerde gut und weist es die Angele- genheit zur neuen Beurteilung an das Berufungsgericht zurück, darf sich dieses von Bundesrechts wegen nur noch mit jenen Punkten neu befassen, die das Bun- desgericht kassiert hat. Die anderen Teile des Urteils haben Bestand und sind in das neue Urteil zu übernehmen. Die neue Entscheidung des Berufungsgerichts ist

    auf diejenige Thematik beschränkt, die sich aus den bundesgerichtlichen Erwä- gungen als Gegenstand der neuen Beurteilung ergibt. Das Verfahren wird nur in- soweit neu in Gang gesetzt, als dies notwendig ist, um den verbindlichen Erwä- gungen des Bundesgerichts Rechnung zu tragen. Dabei ist dem Gericht und den Parteien, abgesehen von allenfalls zulässigen Noven, verwehrt, der Beurteilung des Rechtsstreits einen anderen als den bisherigen Sachverhalt zu unterstellen, sofern und soweit die Sachverhaltsfeststellung vom Bundesgericht nicht gerügt wurde, oder die Sache unter rechtlichen Gesichtspunkten zu prüfen, die im Rück- weisungsentscheid ausdrücklich abgelehnt oder überhaupt nicht in Erwägung ge- zogen worden sind (statt vieler BGE 6B_824/2016 E. 5.2 f.).

  2. Das Bundesgericht hob das Urteil vom 3. Oktober 2019 (nur) im Strafpunkt auf. Die Rügen des Bundesgerichts betreffen dabei den Strafrahmen (Urk. 182

E. 2.3.2) und einen Aspekt der subjektiven Verschuldensbewertung (Urk. 182

E. 2.4.2-2.4.5). Ferner weist das Bundesgericht die Kammer an, nachvollziehbar darzulegen, wie sie die Verminderung der Schuldfähigkeit in Berücksichtigung der Elemente blosse Reststeuerungsfähigkeit, selbstverschuldete massive Trun- kenheit und allenfalls Voraussehbarkeit der erhöhten Aggressivität in stark alko- holisiertem Zustand insgesamt gewichtet (Urk. 182 E. 2.4.5 letzter Abschnitt). Die Strafzumessung ist unter Berücksichtigung dieser Rügen und allenfalls zulässiger Noven neu vorzunehmen sowie die damit untrennbar verbundenen Fragen des Strafvollzugs, einer allfälligen Entschädigung für Überhaft und des Schicksals der Haftkaution zu entscheiden. Schliesslich sind die Kostenfolgen des zweiten Beru- fungsverfahrens zu regeln. Die anderen Teile des Urteils vom 3. Oktober 2019, einschliesslich der Regelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen für die Un- tersuchung, das erstinstanzliche Gerichtsverfahren und das erste Berufungsver- fahren, haben Bestand und sind daher unverändert in das neue Urteil zu über- nehmen.

III.

1.1 Der Beschuldigte schränkte seine Berufung mit Berufungserklärung vom

18. Dezember 2015 auf die Dispositivziffern 1 bis 4 (Schuldspruch, Sanktion,

Schadenersatzpflicht) sowie 8 und 9 (Kostenauflage) und der Privatkläger seine mit Eingabe vom 22. Dezember 2015 auf Dispositiv-Ziffer 5 des erstinstanzlichen Entscheides ein (Urk. 86; Urk. 87).

      1. Mit Eingabe vom 10. Juni 2016 liess die Verteidigung die erkennende Kammer sodann wissen, dass mein Mandant die Berufung gegen Dispositiv- Ziffer 1 (Schuldspruch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung) zurückzieht. An den übrigen angefochtenen Punkten - gemäss der schriftlichen Berufungserklä- rung vom 18. Dezember 2015 - hält mein Mandant fest. Mit Eingabe vom 27. Juni 2016 brachte die Verteidigung die Präzisierung an, dass sich der Berufungsrück- zug auf die Frage der rechtlichen Würdigung des Anklagesachverhaltes beziehe und nicht auch - was sich zwanglos aus dem Plädoyer der Verteidigung vor Vo- rinstanz, der schriftlichen Berufungserklärung und der Beweiseingabe vom 15. April 2016 ergebe - auf den Aspekt der Schuldunfähigkeit nach Art. 19 Abs. 1 StGB (Urk. 96). Der Beschuldigte seinerseits bestätigte anlässlich der Berufungs- verhandlung, er strebe einen Freispruch zufolge Schuldunfähigkeit an (Prot. II S. 7).

      2. Der Wortlaut der Erklärung vom 10. Juni 2016 ist klar; die Berufung gegen Dispositivziffer 1 des vorinstanzlichen Entscheides wird zurückgezogen. Der Ein- gabe des Verteidigers vom 27. Juni 2016 ist jedoch zu entnehmen, dass er die Erklärung unsorgfältig redigiert hat. Wörtlich verstanden widerspricht sie dem er- klärten Willen des Beschuldigten. Der Beschuldigte seinerseits muss sich das Versehen seines Verteidigers bei der Redaktion der Erklärung nicht anrechnen lassen, zumal er notwendig verteidigt ist (vgl. BGE 6B_1111/2017 E. 2). Die Rückzugserklärung vom 10. Juni 2016 ist folglich nicht wörtlich, sondern so zu verstehen, wie sie die Verteidigung der Instruktion des Beschuldigten entspre- chend meinte und in der Eingabe vom 27. Juni 2016 präzisierte. Es ist folglich entgegen der Auffassung der Anklägerin (Urk. 101/1) davon auszugehen, dass die Berufung des Beschuldigten sich auch auf den Schuldpunkt bezieht.

1.3 Nicht mehr angefochten und in Rechtskraft erwachsen sind damit die Dispo- sitivziffern 6 und 7 (Verwendung beschlagnahmter Kleidungsstücke) sowie 10 und

11 (Honorar amtlicher Verteidiger und unentgeltlicher Rechtsbeistand) des vo- rinstanzlichen Entscheides, was vorab festzustellen ist.

    1. Der Beschuldigte liess mit Eingabe vom 15. April 2016 Beweisanträge stel- len (Urk. 91). Nach der Einholung eines Zweitgutachtens und einer weiteren schriftlichen Stellungnahme des Erstgutachters erweist sich die mündliche Befra- gung des Erstgutachters und der beiden Privatgutachter Prof. Dr. F. und Dr. G. als nicht mehr nötig. Zum Gesundheitszustand des Privatklägers lie- gen - wie zu zeigen ist - die für die Entscheidfindung notwendigen Erkenntnisse vor. Diesbezügliche Beweisergänzungen erübrigen sich.

    2. Im zweiten Berufungsverfahren reicht die Verteidigung diverse Urkunden zu den Akten (Urk. 190 S. 2; Urk. 191/1-6).

IV.

    1. Dem Beschuldigten wird kurz zusammengefasst vorgeworfen, am 18. Feb- ruar 2014 zwischen ca. 4.10 Uhr und 4.38 Uhr in zeitlichen Abständen von weni- gen Minuten fünf Mal jeweils mehrfach mit Fäusten gegen den Kopf des Privat- klägers geschlagen bzw. mit dem Fuss gegen den Kopf und den Oberkörper des- selben getreten und ihm dabei mit direktem Verletzungs- und schliesslich auch mit direktem Tötungsvorsatz lebensbedrohliche Verletzungen zugefügt zu haben. Die Einzelheiten des Anklagevorwurfs ergeben sich aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 8. Mai 2015 (Urk. 36).

    2. Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass der äussere Sachverhalt, wie er in der Anklageschrift umschrieben ist, mit im Ergebnis unwesentlichen Einschrän- kungen erstellt sei. Sie ging zusammengefasst davon aus, dass der Beschuldigte und der Privatkläger um 03:52 Uhr bei der Tramhaltestelle H. aufeinander getroffen waren und sich in der Folge rund 20 Minuten ruhig und in friedlichem Rahmen unterhalten hatten. Als der Privatkläger sich um 04:10 Uhr vom Beschul- digten Richtung Tramgeleise abgewandt habe, sei der Beschuldigte empor und nach vorne geschnellt, habe den Privatkläger am Hals ergriffen, ihn mit beiden Armen gegen sich gezogen und mit der rechten Hand mehrere Male gegen des-

sen Hinterkopf/Halsbereich geschlagen. Der Privatkläger sei zu Boden gegangen und auf dem Rücken teilweise im Bereich der Tramgeleise mit dem Kopf auf dem Perron gelegen. Der Beschuldigte sei über dem Privatkläger gewesen und habe ihn mehrmals mit der rechten Faust gegen dessen Kopf geschlagen. Der Privat- kläger habe erfolglos versucht, sich gegen den auf ihm sitzenden Beschuldigten zu wehren. Um 04:13 Uhr habe der Beschuldigte versucht, den Privatkläger hochzuziehen, habe ihn dann aber wieder auf den Boden fallen lassen. Darauf habe er sich einige Meter entfernt, sei aber nach wenigen Sekunden wieder zum regungslos auf dem Boden liegenden Privatkläger zurückgekehrt und habe mehrmals mit dem Fuss gegen den Kopf des Privatklägers getreten. Um 04:16 Uhr habe der Beschuldigte mindestens drei Mal mit dem Fuss gegen den Kopf des Privatklägers getreten bis sich dieser zur Seite abgedreht habe. Danach habe der Beschuldigte den Privatkläger ein Mal gegen den rechten Arm getreten. Um 04:17 Uhr habe der Beschuldigte dann mindestens zwei Mal mit der Schuhsohle des rechten Schuhs von oben auf den Kopf des Privatklägers getreten. Schliess- lich habe er um 04.35 Uhr jeweils nach grossen Ausholbewegungen mit Wucht mindestens drei Mal mit dem Fuss gegen den Kopf des Privatklägers getreten. Um 04:38 Uhr habe der Beschuldigte den bewusstlosen Privatkläger auf den Tramgeleisen liegen gelassen und habe sich entfernt. Wenige Sekunden später sei ein Tram in die Tramstation eingefahren, habe jedoch vor dem auf den Gelei- sen liegenden Privatkläger anhalten können (Urk. 83 S. 23 ff.). Durch sein Verhal- ten habe der Beschuldigte dem Privatkläger die in der Anklageschrift umschriebe- nen Verletzungen zugefügt, welche zur Gefahr einer lebensbedrohlichen Atmungsstörung und zu einer akuten Erstickungsgefahr geführt hätten. Weiter habe der Privatkläger während der Spitalbehandlung als Folge der erlittenen Ver- letzungen bzw. der notwendigen Therapiemassnahmen die in der Anklageschrift aufgeführten Komplikationen erlitten, welche für den Privatkläger unmittelbar le- bensbedrohend gewesen seien (Urk. 83 S. 28 ff). In subjektiver Hinsicht ging die Vorinstanz davon aus, dass der Beschuldigte jedenfalls den Tod des Privatklä- gers in Kauf genommen habe. Er habe mit kräftigen, wuchtigen Faustschlägen und Fusstritten eine Vielzahl von Knochenbrüchen im Gesicht des Privatklägers verursacht. Er habe es nicht bei den ersten, im Perronbereich getätigten Faustschlägen bewenden lassen, sondern habe auch weiter geschlagen als er den Pri- vatkläger bereits zu Boden gebracht und damit buchstäblich die Oberhand ge- wonnen gehabt habe. Die mit solidem Schuhwerk ausgeführten Fusstritte habe er dem Privatkläger in mehreren, sich über einen Zeitraum von 20 Minuten erstre- ckenden Phasen versetzt, obwohl der Privatkläger bereits während der ganzen Zeit verletzt und wehrlos am Boden gelegen habe. Zumindest die letzten fünf Fusstritte habe der Beschuldigte dabei mit grosser Wucht ausgeführt. Dass meh- rere massive Fusstritte mit solidem Schuhwerk gegen den Kopf einer bereits am Kopf verletzten Person, die regungs- und wehrlos am Boden liege, deren Zustand verschlechtere, gehöre zum Allgemeinwissen. Das mit dem Tun verbundene Risi- ko könne in keiner Weise kalkuliert oder dosiert werden. Hinsichtlich des Aus- masses der Verschlechterung sei alles möglich, bis hin zu einem tödlichen Aus- gang. Wer unter diesen Umständen, wie es der Beschuldigte getan habe, mit grosser Wucht mehrmals auf den Kopf eines regungslos- und wehrlos am Boden liegenden Menschen eintrete, wisse nicht nur um die Möglichkeit tödlicher Folgen, sondern nehme diese auch in Kauf. Es sei daher in rechtlicher Hinsicht von einem eventualvorsätzlichen Tötungsdelikt auszugehen, wobei qualifizierende oder privi- legierende Umstände im Sinne von Art. 112 StGB und Art. 114 StGB nicht vorlä- gen. Hingegen fehle es an einem rechtsgenügenden Nachweis, dass der Beschuldigte den Tod des Privatklägers willentlich im Sinne eines direkten Vorsatzes habe herbeiführen wollen. Da der Privatkläger dank ärztlicher Hilfe nicht gestor- ben sei, liege eine versuchte Tat vor. Der Beschuldigte habe sich folglich der ver- suchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gemacht. Unter welche Tatbestände die Faustschläge und die zu Beginn der Auseinandersetzung durch den Beschuldigten dem Privat- kläger versetzten Fusstritte zu subsumieren seien, müsse nicht beantwortet wer- den, da die versuchte vorsätzliche Tötung in casu die (schwere) Körperverletzung konsumiere. Rechtfertigungsgründe seien nicht gegeben. Insbesondere habe im Zeitpunkt der letzten fünf Fusstritte, welche der Beschuldigte dem verletzt und wehrlos am Boden liegenden Privatkläger versetzt habe, klarerweise keine Not- wehrsituation vorgelegen (auch keine vermeintliche), da vom Privatkläger in die- sem Moment weder für den Beschuldigten noch für dessen Familienangehörige

eine Gefahr ausgegangen sei (Urk. 83 S. 31 ff.). Ferner sei gestützt auf das Gut- achten von Prof. Dr. med. D. von einer (lediglich) stark verminderten Steue- rungsfähigkeit des Beschuldigten im Tatzeitpunkt auszugehen, weshalb der Schuldausschlussgrund der Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB zu verneinen sei (Urk. 83 S. 41 ff.).

2. Dass der Beschuldigte - wie von der Vorinstanz erkannt - mit seinem Verhal- ten den Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung in objektiver und subjek- tiver Hinsicht erfüllt hat und sich nicht auf den Rechtfertigungsgrund der (auch nur vermeintlichen) Notwehr berufen kann, ist im Berufungsverfahren zu Recht nicht mehr umstritten. Der Beschuldigte macht jedoch weiterhin geltend, im Zeitpunkt der Tat schuldunfähig gewesen zu sein. Die Verteidigung verweist in diesem Zu- sammenhang auf die Schlussfolgerung der Zweitgutachterin Dr. med. C. , wonach die Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten nicht ausschliessbar gänzlich aufgehoben gewesen sei. Die Zweitgutachterin werde in ihrer Auffassung durch die Gutachten von Prof. Dr. F. (Urk. 49/1) und Dr. G. (Urk. 49/2) und die Einschätzungen von Prof. I. (Urk. 92/1) und Dr. J. (Urk. 92/2) ge- stützt. Nur der Erstgutachter, Prof. Dr. D. , schliesse auf eine lediglich schwer verminderte Schuldfähigkeit, halte dabei aber auch fest, dass letztlich zwei Hypothesen im Raum stünden, die jeweils mit guten Gründen vertreten wer- den könnten. Bei dieser Sachlage sei in Nachachtung des Grundsatzes in dubio pro reo auf der Ebene der Gutachten von der für den Beschuldigten günstigeren Variante, mithin von Schuldunfähigkeit auszugehen. Ferner hält er dafür, dass die vom Erstgutachter als Indikatoren für eine vorhandene Rest-Steuerungsfähigkeit genannten Umstände als solche nicht überzeugten und betont in diesem Zusam- menhang unter Hinweis auf die Videoaufnahmen namentlich, dass der Beschul- digte den Privatkläger nicht in jenem Moment angegriffen habe, als dieser sich abgewandt und auf den Boden gespuckt habe, sondern erst, nachdem sich der Privatkläger dem Beschuldigten bereits wieder zugewandt gehabt habe (Urk. 163

S. 3 ff.; vgl. auch Urk. 105 S. 2 ff.).

      1. Prof. Dr. D. erstattete sein von der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich in Auftrag gegebenes Gutachten am 2. September 2014 (Urk. 29/19). Darin kam er zum Schluss, dass der Beschuldigte im Tatzeitpunkt an einer akuten Alkoholintoxikation mit Wahrnehmungsstörungen (ICD-10; F10.04), wie sie sonst in psychotischen Episoden zu finden seien, gelitten habe, die bei erhaltener Ein- sichtsfähigkeit zu einer schweren Verminderung der Steuerungs- bzw. Schuldfä- higkeit geführt habe. Gemäss seinen Ausführungen löste der Alkoholrausch beim Beschuldigten eine hochgradige Bewusstseinseinengung, verbunden mit einer Si- tuationsverkennung, wahnhaftem Beziehungserleben und Halluzinationen aus, die mit schweren Beeinträchtigungen der psychischen und voluntativen Funktio- nen einhergehen. Deren Ausmass bzw. die Auswirkungen des psychotischen Rauschverlaufs auf die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten dis- kutierte er in der Folge unter Bezugnahme auf die konkrete Situation. Er führte aus, dass die grundsätzliche Fähigkeit des Beschuldigten zur Einsicht in das Un- recht der ihm vorgeworfenen Tat zum Tatzeitpunkt aus forensisch-psychiatrischer Sicht gegeben gewesen sei. So habe dieser bei der Verhaftung von sich aus an- gegeben, dass er überreagiert habe. Er sei ferner über längere Zeit immer wieder zu dem Bewusstlosen in ambivalenter Weise zurückgekehrt und sei schliesslich vor der herannahenden Polizei geflüchtet, was für ein Bewusstsein für das Un- recht seiner Tat spreche. Im Zusammenhang mit der Frage der Steuerungsfähig- keit hielt er zusammengefasst fest, dass es aus psychiatrischer Sicht wahrschein- lich sei, dass der Beschuldigte die Situation im Rahmen seiner Bewusstseinsein- engung verkannt, Aussagen des Privatklägers wahnhaft verarbeitet und Handlun- gen desselben verkannt habe. Aufgrund eines Realitätsverlustes und von Wahr- nehmungsstörungen im Rahmen des Alkoholrausches sei der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt nicht mehr in der Lage gewesen, die Situation adäquat zu würdigen und habe auf die wahrgenommene Bedrohung überschiessend und weitgehend ungehemmt-aggressiv reagiert. In der Tatsituation habe das psychotische Erleben Überhand über Hemmungs- und Steuerungskräfte des Beschuldigten gewonnen, weshalb aus psychiatrischer Sicht eine forensisch relevante Einschränkung seiner Freiheitsgrade festgestellt werde. Aus forensisch-psychiatrischer Sicht habe die Wahrnehmungsstörung im Rahmen des Rauschzustands die Steuerungsfähigkeit in starkem Ausmass herabgesetzt, jedoch nicht vollständig aufgehoben. So sei der Beschuldigte über längere Zeit immer wieder zum Tatort zurückgekehrt, gegebenenfalls aus der Ambivalenz heraus, etwas tun/helfen zu müssen, und habe gegenüber den Polizisten geäussert, es etwas übertrieben zu haben. Auch, dass er auf die Ansprache des Tramführers zunächst relativ adäquat reagiert habe, dann aber davon gelaufen sei, als sich die Polizei genähert habe und sich dann ohne Gegenwehr habe verhaften lassen, spreche gegen eine vollständig aufge- hobene Steuerungsfähigkeit (Urk. 29/9 S. 40-43, 45 f.).

      2. In seiner vom erstinstanzlichen Gericht angeforderten (Urk. 54) schriftlichen Stellungnahme zu den Ausführungen der Privatgutachter Prof. Dr. F. vom

        1. Oktober 2015 (Urk. 49/1) und Dr. G. vom 26. Oktober 2015 (Urk. 49/2) wies Prof. Dr. D. unter dem 5. November 2015 einleitend darauf hin, dass sich im vorliegenden Fall der grundsätzlich gegebene, im Regelfall minime aber doch stets vorhandene forensisch-psychiatrische Beurteilungsspielraum hinsicht- lich der konkreten Ausprägungsgrade von Einbussen der Einsichts- und Steue- rungsfähigkeit zeige. Während diagnostische und kriminalprognostische Stellung- nahmen in ein Regelwerk eingebunden seien, das zu einer Vereinheitlichung der jeweiligen Prozesse geführt habe, existierten für die Beurteilung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit in einer konkreten Tatsituation zwar Beurteilungskrite- rien, wie sie Prof. Dr. F. und Dr. G. in ihren Schriftsätzen dargelegt hätten. Diese würden sich jedoch in Details unterscheiden bzw. beinhalteten weit- aus mehr Interpretationsspielraum als die diagnostischen Klassifikationssysteme oder standardisierten prognostischen Instrumente. Insofern würden psychiatrische Aussagen zur Einsichts- und Steuerungsfähigkeit stets eine gewisse Unschärfe beinhalten, was in der im deutschsprachigen Raum gebräuchlichen Bezeichnung als normative Stufe der Schuldfähigkeitsbegutachtung zum Ausdruck komme (Urk. 61 S. 3). Im konkreten Fall seien sich drei forensische Psychiater darin einig, dass eine forensisch relevante Alkoholintoxikation bestanden habe, die so schwerwiegend gewesen sei, dass eine erhaltene Schuldfähigkeit bzw. leichte oder mittelschwere Schuldminderung aus forensisch-psychiatrischer Sicht nicht in Frage komme. Es bleibe die Wahl zwischen einer schwerstgradig verminderten Einsichts- bzw. Steuerungsfähigkeit und deren Aufhebung. In diesem Beurtei- lungsbereich habe er, Prof. Dr. D. , sich nicht an der Diagnose bzw. allein an der psychotischen Erlebnisqualität des Beschuldigten, sondern an objektiv fassbaren Hinweisen auf erhaltene Restfähigkeiten des Beschuldigten orientiert. Er habe somit nicht entscheidend bzw. ausschliesslich auf dessen subjektives Erle- ben abgestellt, das für alle drei Experten unstrittig von realitätsfernen, d.h. psy- chotischen Ängsten und auch Wahrnehmungsstörungen, die diese Ängste geför- dert hätten, geprägt gewesen seien. Vielmehr sei es ihm um den Abgleich des subjektiven Erlebens mit den auf Handlungsebene bzw. in tatnahen Stellungnah- men des Beschuldigten nachvollziehbaren bzw. ableitbaren Fertigkeiten (z.B. Kri- tik- und Handlungsfähigkeit betreffend) gegangen. Dabei spreche aus seiner Sicht gegen eine vollständig aufgehobene Steuerungsfähigkeit, dass der Beschuldigte schon bei der initialen Befragung durch die Polizei angegeben habe, dass er ei- nen günstigen Moment abgewartet habe, um den vermeintlichen Opponenten zu attackieren und ausser Gefecht zu setzten. Dies zeige eine vorhandene Fähigkeit an, abzuwarten und sich auf dieser Basis in einer körperlichen Auseinanderset- zung einen Vorteil zu verschaffen. In der Folge sei es darüber hinaus zu einem über ca. 20 Minuten hingestreckten Tatablauf gekommen, wobei die Aggressi- onshandlungen mehrfach unterbrochen worden seien. Auch dies spreche aus seiner Sicht für eine zumindest in Ansätzen bzw. bruchstückhaft erhaltene Fähig- keit, Distanz zum Tatgeschehen bzw. zu den handlungsleitenden psychotischen Motiven zu nehmen. Dass diese Fähigkeit nicht zeitstabil vorhanden gewesen sei, zeige die Rückkehr zum Tatort und das Ausüben erneuter Gewalt. Dennoch blei- be es dabei, dass das Delikt letztlich in Intervallen begangen worden sei, was wohl auch Dr. G. so gesehen habe, der eine Einteilung in drei Tatphasen vorgenommen habe. Das spreche aus seiner Sicht gegen eine vollständig aufge- hobene Steuerungsfähigkeit, für die er eine aus der Situation akut aufschiessende und ungesteuerte Aggressivität gefordert hätte (Urk. 61 S. 3 f.). Insofern sei die von Prof. Dr. F. zitierte Passage auf Seite 42 f. des Gutachtens eventuell missverständlich formuliert. Er sehe den Beschuldigten zwar in der Tat nicht mehr in der Lage, die Situation adäquat zu würdigen, gehe darüber hinaus wei- terhin von einem überschiessenden und weitgehend ungehemmten aggressiven Handeln aus. Damit habe er aber keine komplette Aufhebung der Steuerungskräf- te, sondern deren erheblichste Einschränkung beschreiben wollen. Betreffs der Einsichtsfähigkeit, die Dr. G. als aufgehoben bewerte, teile er die Einschätzung, dass psychotische Handlungsmotive die Einsichtsfähigkeit in der Regel aufheben würden. Insofern bestehe kein grundsätzlicher Dissens. Dass die Fest- stellung einer aufgehobenen Einsichtsfähigkeit jedoch bei psychotischer Tatmoti- vation stets gerechtfertigt sei, sei aus seiner Sicht eine allzu apodiktische Fest- stellung, die bei psychotischer Tatmotivation jede Analyse des Tatgeschehens überflüssig machen würde. Desweitern sei der Begriff der Psychose zumeist bei wahnhaften Entwicklungen im Kontext schizophrener Erkrankungen von Bedeu- tung. Er werde also bei psychischen Störungen verwandt, die sich über Monate und Jahre hinweg entwickelten und zu einer zeitstabilen Eigenweltlichkeit führten. Diese zeitstabile Eigenweltlichkeit führe im Verlauf zu einer Verschiebung von Wertmassstäben, wobei trotz Psychose die Einsicht in das Unrecht bzw. die ver- botene Natur bestimmter Handlungsoptionen über lange Zeit hinweg gegeben sei bzw. gegeben sein könne. Aus diesem Grund würden sich auch schwer wahn- kranke schizophrene Patienten mit einem Verfolgungswahn nicht selten an die Polizei wenden, um dort Hilfe zu erlangen. Erst wenn sie die Erfahrungen mach- ten, dass ihnen von solchen Institutionen oder anderen potentiellen Helfern nicht geholfen werde, schritten sie zur Tat und erlebten sich dabei in einer nicht mehr mit legalen Mitteln auflösbaren Notwehrsituation. Aus seiner Sicht stelle sich die Frage, ob man die Folgen einer selbst höchstgradigen Alkoholintoxikation per se mit den vorab skizzierten Folgen eines psychotischen Krankheitsprozesses im engeren Sinn gleichsetzen könne. Für Prof. Dr. F. und Dr. G. scheine das der Fall zu sein. Für ihn sei dieser Rückschluss nicht zwingend. Eine Zwangs- läufigkeit ergebe sich auch aus der von Prof. Dr. F. zitierten Literatur nicht, da hier lediglich davon gesprochen werde, dass bei massiver Berauschung übli- cherweise Schuldunfähigkeit angenommen werde bzw. Hinweise auf wahnhafte Realitätsverkennungen in der Regel dafür sprächen, dass Steuerungsunfähig- keit erwogen werden muss. Nochmals bleibe festzuhalten, dass es zwischen den bislang mit dem Fall befassten Experten unstrittig sei, dass der Beschuldigte sich subjektiv in einer Notwehrsituation gesehen habe. Die Bedeutung des Sachver- halts zu beurteilen und zu würdigen, sei Aufgabe des Gerichts. Psychiatrische Aufgabe sei es in diesem Zusammenhang, Festlegungen dazu zu treffen, ob die- ses Erleben Ausdruck einer psychischen Störung sei. Dies werde von allen drei

        Experten bejaht. Hinsichtlich der Kritikfähigkeit bzw. der Fähigkeit des Beschuldig- ten, sich von dieser Idee bzw. den daraus resultierenden Handlungsimpulsen zu lösen, sei aus seiner Sicht aber auch darauf zu achten gewesen, ob der Beschul- digte in der Lage gewesen sei, das Verbotene des Tuns eventuell auch nur in An- sätzen zu erkennen. Diesbezüglich spreche die Tatsache, dass der Beschuldigte sich vom Tatort entfernt habe, als Zeugen und die Polizei eingetroffen seien, da- für, dass ihm zumindest ansatzweise das Verbotene bzw. Problematische seiner Handlungen bewusst gewesen sei. Auch seine spontane Äusserung gegenüber den Polizeibeamten, überreagiert zu haben, spreche dafür, dass eine zumindest bruchstückhafte Einsicht in das Unrecht vorgelegen habe. Dass es sich dabei um die nachträgliche Beurteilung einer Tatsituation handle, sei unstrittig. Es gehe je- doch nicht um eine Stunden bzw. Tage nach dem Delikt vertretene Auffassung, sondern um eine in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Delikt gemachte Äusserung des Beschuldigten. Dieser habe diese also in dem Intoxikationszustand gemacht, in dem er auch das Delikt begangen habe, was Rückschlüsse auf seine tatzeitak- tuelle Verfassung statthaft erscheinen lasse (Urk. 61 S. 6). Aus seiner Sicht habe sich in der Interaktion zwischen zwei offensichtlich alkoholisierten Personen eine Dynamik entwickelt, die zu dem Gewaltdelikt geführt habe. Dabei seien die Hand- lungsmotive des Beschuldigten durch psychopathologische Phänomene massiv beeinflusst und verzerrt gewesen. Er gehe aber weiter davon aus, dass der Beschuldigte bei Tatbegehung Restfähigkeiten aufgewiesen habe, die ihn hätten auch anders handeln lassen können. Diese Restfähigkeiten liessen aus seiner Sicht weiterhin auch die Hypothese einer nicht aufgehobenen Steuerungsfähigkeit plausibel erscheinen (Urk. 61 S. 6). Er stehe zu seiner Einschätzung, könne aber auch akzeptieren und nachvollziehen, dass Berufskollegen dies anders sähen. Dies verdeutliche die im forensisch-psychiatrischen Kontext bestehenden norma- tiven Beurteilungsspielräume, die aus seiner Sicht dem Gericht die Möglichkeit geben würden, von Einschätzungen des forensischen Sachverständigen hinsicht- lich der Schuldfähigkeit abzuweichen. Prof. Dr. F. und Dr. G. hätten sich am Ausprägungsgrad der festgestellten Alkoholintoxikation bzw. an deren psychotischer Qualität orientiert, während er versucht habe, aus den konkreten Tatabläufen Rückschlüsse auf das Leistungsvermögen des Beschuldigten bzw.

        auf erhaltene Restfähigkeiten zu ziehen. Somit stünden nun zwei Hypothesen im Raum, die jeweils mit guten Gründen vertreten werden könnten. Über deren Be- rechtigung bzw. hinsichtlich ihrer konkreten Anwendung auf die Schuldfähigkeits- frage könne letztlich nur normativ entschieden werden (Urk. 61 S. 7).

      3. In seiner auf die Zweitbegutachtung durch Dr. C. folgende Stellung- nahme vom 11. September 2018 hielt Prof. Dr. D. an seiner Diagnose einer akuten Alkoholintoxikation mit Wahrnehmungsstörungen fest (Urk. 154 S. 3). Aus seiner Sicht gehe die Einordnung der vom Beschuldigten gezeigten Symptomatik als substanzinduzierte Psychose deshalb fehl, weil der Beschuldigte schon kurze Zeit nach dem Delikt, d.h. nach Abklingen der Alkoholintoxikation, eine Distanz zu den Ereignissen eingenommen habe bzw. kein fortdauerndes Bedrohungsgefühl mehr berichtet habe. Entsprechend ängstlich getönte Affekte seien bei den Ein- vernahmen und auch bei den gutachterlichen Untersuchungen im Juli, August und September 2014 nicht deutlich geworden. Entsprechend lasse sich aus seiner Sicht kein überdauerndes Bedrohungsgefühl bzw. kein Wahn attestieren. Die Di- agnose einer alkoholinduzierten schizophrenen Störung könne schon im Gutach- ten von Dr. G. nicht nachvollzogen werden. Dr. G. führe nämlich auf Seite 24 seines Gutachtens explizit aus, dass der Beschuldigte ihm gegenüber angegeben habe, nach seiner Verhaftung keine Ängste oder akuten Bedrohungs- gefühle mehr gehabt zu haben. Auf Seite 28 seines Gutachtens spreche er da- von, dass relevante psychopathologische Auffälligkeiten einzig auf die Tatsi- tuation beschränkt gewesen seien. Für die Diagnose einer alkoholinduzierten psychotischen Störung wäre nach den Vorgaben der ICD-10 [WHO 2004] jedoch eine Dauer der psychotischen Symptomatik über mehr als 48 Stunden hinweg ge- fordert. Die Diagnose einer alkoholinduzierten schizophreniformen psychotischen Störung führe, wenn man von einer wahnhaften Genese dieser Behauptung aus- gehe, konsequenterweise zur Verneinung von Frage 1.12.13. Entsprechend über- rasche die Antwort der Zweitgutachterin auf diese Frage nicht. Allerdings diskutie- re sie die Widersprüche zwischen den Ausführungen zur Symptomdauer im Gut- achten von Dr. G. und ihren Ausführungen nicht. Darüber hinaus sei die wahnhafte Genese bzw. die Interpretation der Angaben des Beschuldigten über seine Wahrnehmung des Opfers in der Tatnacht als Ausdruck einer unkorrigierba-

ren und wahnhaft verfestigten Überzeugung aus seiner Sicht nicht zwingend, zu- mal es bei den in dieser Frage adressierten Behauptungen entscheidend um As- pekte der Tatverarbeitung bzw. der Legitimation eigenen Handelns gehe

(Urk. 154 S. 3 f.). Allerdings habe die skizzierte diagnostische Differenz zwischen der Zweitgutachterin, Dr. G. und ihm für die unmittelbare Bewertung der Tatsituation keine entscheidende Bedeutung, denn beide Störungsbilder gingen im Querschnitt mit einer ähnlichen Symptomatik einher und alle vorliegenden ärzt- lichen Stellungnahmen gingen übereinstimmend von zur Tatzeit bestehenden Stö- rungen der Realitätswahrnehmung und -kontrolle (und genau das sei mit dem Be- griff der Wahrnehmungsstörung gemeint) aus, die von heftigen Angstaffekten be- gleitet worden seien (Urk. 154 S. 4 f., 9). Der weitere Verlauf der mit dieser Stö- rung verbundenen Symptomatik, bei welcher die Zweitgutachterin von einer über Monate hinweg bestehenden psychotischen Verarbeitung ausgehe, sei für die Frage der Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt irrelevant, wobei der Zweitgutachter namentlich auch das Abwarten eines günstigen Moments für den Angriff für mit beiden Diagnosen vereinbar beschrieb (Urk. 154 S. 4, S. 6 f.). Jedoch sei mit der von ihm gestellten Diagnose die Erwartung verbunden, dass die Symptomatik mit nachlassender Wirkung der Substanz, d.h. parallel zum Abklingen der Alkoholef- fekte auf das Gehirn, verschwinde, während die alkoholinduzierten Psychosen länger, d.h. zwischen 48 Stunden und 6 Monaten, andauern sollten (Urk. 154

S. 6). Sodann sah er sich auch hinsichtlich seiner Beurteilung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit nicht zu Korrekturen veranlasst. Der von der Zweitgutachterin (in Übereinstimmung mit seinen Darlegungen in der Stellungnahme vom 5. No- vember 2015) skizzierte Beurteilungsspielraum sei für ihn kein zwingender Grund, von seinen im Gutachten vom 25. September 2018 gezogenen Schlussfolgerun- gen abzuweichen. Aus seiner Sicht sei, selbst wenn man - wie dies die Zweitgut- achterin tue - die lang hingestreckten Tatabläufe nicht als für die Frage der Steue- rungsfähigkeit relevant einschätzen wolle, weiterhin ein entscheidendes Argument für die, insbesondere bei der Tatinitiierung gegebene Fähigkeit, das Handeln zu steuern, dass der Beschuldigte schon bei der initialen Befragung durch die Polizei angegeben habe, dass er einen günstigen Moment abgewartet habe, um den vermeintlichen Opponenten zu attackieren und ausser Gefecht zu setzen. Dies

spreche gegen eine ungesteuerte Initiierung der Aggressionshandlung und ver- weise im Gegenteil auf eine vorhandene Fähigkeit, (genau diese günstige Gele- genheit) abzuwarten (Urk. 154 S. 2, vgl. auch S. 7). Ob sich die Ausführungen des Beschuldigten bzw. dessen subjektive Wahrnehmung mit den Ergebnissen der Beweisaufnahme deckten, sei nicht forensisch-psychiatrisch zu entscheiden, sondern Gegenstand der juristisch-normativen Gesamtwürdigung der Abläufe. Wenn diese zum Schluss käme, dass ein geeigneter Moment zum Angriff auf ei- nen ängstigenden und als überlegen wahrgenommenen Mann genutzt worden sei, wäre in Übereinstimmung mit der Zweitgutachterin das Thema der nicht aus- schliessbaren Steuerungsfähigkeit ad acta zu legen (Urk. 156 S. 8). Gegen eine aufgehobene Steuerungsfähigkeit spreche ausserdem, wie es auch die Zweitgut- achterin laut Absatz 2 auf Seite 43 ihrer Stellungnahme vom 24. Juli 2018 ein- schätze, das Verlassen des Tatorts nach Eintreffen des Trams. Diese Flucht habe er in seinen initialen Ausführungen vorwiegend hinsichtlich der Bedeutung für die Einsichtsfähigkeit diskutiert. Sie zeige aber in der Tat auch, dass beim Beschul- digten in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang zu der Gewaltanwendung zu Lasten des Privatklägers ein Gefühl des Ertapptwerdens und eine basale Er- kenntnis darüber vorhanden gewesen sei, dass sein Handeln falsch gewesen sei. Demgegenüber hätte er, der Erstgutachter, bei einer aufgehobenen Steuerungs- fähigkeit weitere Fehlhandlungen erwartet bzw. bei aufgehobener Einsichtsfähig- keit und einem fortdauernden Bestimmtwerden durch Angstaffekte entsprechende Ausführungen gegenüber den Zeugen, z.B. eine positive Stellungnahme zu deren Ankunft in dem Sinne, dass nun endliche Hilfe bzw. potentielle Unterstützung ein- treffe (Urk. 156 S. 3). Ferner bekräftigte Prof. Dr. D. , dass der lang hinge- streckte Tatablauf, während dem der Beschuldigte seine Gewaltausübung wie- derholt habe unterbrechen und sogar den Tatort habe verlassen können, aus sei- ner Sicht gegen eine vollständige Dominanz der Angstaffekte auf das Handeln des Beschuldigten spreche (Urk. 156 S. 7).

      1. Die im Rahmen des Berufungsverfahrens eingesetzte Zweitgutachterin,

        Dr. C. , erstattete am 18. Juni 2017 ihr erstes Gutachten (Urk. 132). Darin verneinte sie das Vorliegen einer zeitlich überdauernden psychischen Erkrankung des Beschuldigten und diagnostizierte eine tatzeitaktuelle Alkohol induzierte schizophreniforme psychotische Störung, wobei sie davon ausging, dass der Beschuldigte noch Monate lang von dieser existentiellen, überbordend starken Angst geprägt gewesen sei (ICD: F10.50; Urk. 132 S. 55 f.). Die Diagnose einer Alkohol induzierten schizophreniformen psychotischen Störung verband sie mit dem Hin- weis, dass sich durch die vom Erstgutachten abweichende diagnostische Zuord- nung hinsichtlich der klinisch zu beschreibenden Psychopathologie keine Diffe- renzen ergäben (Urk. 132 S. 44 ff.). Von einem relevanten psychopathologisch veränderten Erleben der Realität durch den Beschuldigten ausgehend (Urk. 132

        S. 67) prüfte sie in der Folge unter Bezugnahme auf unterschiedliche Lehrmei- nungen und die konkrete Tat bzw. Täterpersönlichkeit zunächst die Einsichtsfä- higkeit des Beschuldigten und bejahte diese schliesslich (Urk. 132 S. 70 ff.). Der Beurteilung der Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten legte die Zweitgutachterin die Vorstellung eines von der ersten Kontaktaufnahme des Privatklägers mit dem Beschuldigten bis zur Festnahme des Letzteren während des gesamten lange hingezogenen Tatgeschehen psychopathologisch hochgradig auffälligen Zustan- des des Beschuldigten zugrunde. Alles, was sich für den Beschuldigten in dieser Zeit verändert habe, sei der Umstand, dass er infolge des gewalttätigen Übergriffs auf den Privatkläger nicht mehr von diesem bedroht worden sei. Der ängstliche Affekt habe sich aber gleichwohl noch über lange Zeit gehalten bzw. der psychoti- sche Affekt intensiver Angst sei noch eine längere Zeit bestehen geblieben, auch dann als die reale Situation bereits gänzlich aufgelöst gewesen sei (Urk. 132

        S. 75, 60 f.). Unterscheide man zwischen der Steuerungsfähigkeit auf motivatio- naler und auf exekutiver Ebene, dann verändere ein psychotisches Erleben mit Wahnwahrnehmungen und Wahngedanken die motivationale Ebene, weil die subjektive Sinnhaftigkeit der Handlung und ihre zwingende Notwendigkeit Aus- druck der inhaltlichen Denkstörungen seien und von der Realität völlig losgelöst erschienen (Urk. 132 S. 76). Zu einer ungestörten exekutiven Steuerungsfähigkeit gehörten eine ungestörte Situationswahrnehmung, ungestörte Handlungskontrol- le, ein Handeln gemäss eines Motivs und die Sicherstellung des Erfolgs bzw. der Erfolgskontrolle. Gegen eine unbeeinträchtigte exekutive Steuerungsfähigkeit sprächen eine ungeordnete Handlungsweise, eine hilflose und unpassende Reak- tion auf Störfaktoren, eine fehlende Besinnungsfähigkeit, Impulsivität und ein ungerichtetes Verhalten nach der Tat (Urk. 132 S. 76). Im vorliegenden Fall zeige sich in jedem Fall eine völlig unpassende Reaktion auf eine Störungssituation (Belästigung durch den Privatkläger an der Haltestelle), eine in der Gewalttat deutlich zum Ausdruck kommende fehlende Besinnungsfähigkeit (immer wieder neu angreifen) insgesamt auch ein recht ungerichtetes Verhalten nach der Tat. Es sei nicht sonderlich gerichtet, unmittelbar wieder am Tatort aufzutauchen, wenn das Opfer durch Dritte entdeckt werde, dort dann anzugeben, dass man selbst etwas damit zu tun habe, zugleich aber offenbar ohne Kontext etwas von um- bringen spreche, kaum bzw. nur verzögert auf konkrete Ansprachen reagiere, dann weglaufe und sich wiederum widerstandslos festnehmen lasse, um dann so- fort intensiv das Gespräch zu suchen. Das alles seien insgesamt ungerichtete, augenblicksbezogen erscheinende Handlungen, die davon zeugten, dass der Beschuldigte zur Tatzeit und direkt danach (also auch noch 20 bis 30 Minuten spä- ter) nicht in der Lage gewesen sei, zielgerichtet zu handeln (Urk. 132 S. 76 f., vgl. auch S. 63). Wenn der Beschuldigte ausgesagt habe, er habe eine günstige Ge- legenheit für den Angriff abgewartet, sehe sie darin ein Narrativ, sich selbst die Welt etwas kontrollierbarer zu eigen zu machen und sich selbst einen Handlungs- spielraum zuzuschreiben, der aber faktisch in der sich länger hinziehenden Tatsi- tuation kaum bestanden habe. Darin zeige sich, dass der Beschuldigte in all der chaotischen Angst selbst offenbar der Idee anhängen wolle, doch noch irgendwie geordnet reagiert und die Situation unter Kontrolle gehabt zu haben. Tatsächlich habe die günstige Gelegenheit nicht bestanden (Urk. 132 S. 62 f.). Weiter führte die Zweitgutachterin aus, Handlungssteuerung und Desaktualisierungsfähigkeit mündeten in den Begriff der Steuerungsfähigkeit. Die Tat infolge der psychoti- schen Wahrnehmungsverzerrung sei Ausdruck der Desaktualisierungsschwäche des Bedürfnisses, sich gegen die (psychotische) Gefahr bzw. Bedrohung kör- perlich zur Wehr zu setzen. Unter Hinweis auf Kröber hielt sie in diesem Zusam- menhang u.a. weiter fest, dass dort, wo der gesamte oder doch zumindest der re- levante Weltbezug psychotisch deformiert sei, keine Freiheitsgrade zur pflichtge- mässen Bestimmung des eigenen Handelns blieben (Urk. 132 S. 77). Im Hinblick auf die exekutive Ebene der Steuerungsfähigkeit dürfte vor allem die vom Beschuldigten immer wieder in Gesprächen geschilderte, eindrückliche und nie zuvor dagewesene intensive Angst die Fähigkeit zur Hemmung deliktischer Hand- lungsimpulse erheblich beeinträchtigt, wenn nicht sogar aufgehoben haben. Eine Fähigkeit der Realitätskontrolle, ein kritisches Reflektieren darüber, dass der völlig fremde Mann unmöglich ein Foto seiner Familie haben könne und womöglich selbst eher betrunken sei und man daher vielleicht selbst eher defensiv reagiere und woanders hingehe, sei beim Beschuldigten nicht mehr in der Weise möglich gewesen, sondern der impulsive raptusartige, vom Ablauf her dann mehrzeitige Übergriff auf den Privatkläger erscheine als psychotischer Selbstrettungsversuch (Urk. 132 S. 77, vgl. auch S. 62). Was die Diskussion angehe, inwieweit man exakt zwischen der verminderten und aufgehobenen Steuerungsfähigkeit unter- scheiden könne, habe Prof. Dr. D. nachvollziehbar auf die besondere Be- deutung einer normativen Gewichtung hingewiesen, die vom Psychiater nicht ge- leistet werden könne und dürfe (Urk. 132 S. 78). Im vorliegenden Fall finde sich in weitgehender Übereinstimmung aller Gutachter neurologische Auffälligkeiten, ei- ne leichte Bewusstseinstrübung, offenbar Wahrnehmungsstörungen (Mobiltelefon mit Foto der Familie) sowie eine explizite Wahnwahrnehmung und wahnhafter Denkinhalt (zu Drogengeschäften benutzt zu werden, das Gegenüber sammle In- formationen, um die Familie zu erpressen) sowie eine plötzliche und vom Zeit- punkt und Kontext her weitgehend unvorhersehbare Gewaltbereitschaft mit immer und immer wieder Zuschlagen und Zutreten, obwohl das Opfer bereits wehrlos und regungslos am Boden gelegen habe (Urk. 132 S. 78). Das psychotische Be- drohungserleben stelle mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den massgeblichen forensisch-psychiatrischen Kausalfaktor für das gesamte Hand- lungsgeschehen dar (Urk. 132 S. 79). Von daher erscheine das wiederholte und gewissermassen irrational erscheinende Eintreten und Einschlagen auf das Op- fer als Zeichen einer Perseveration und damit als psychopathologisches Symptom einer in jedem Fall klinisch psychiatrisch erheblich eingeschränkten Steuerungs- fähigkeit (Urk. 132 S. 79). Das deliktische Vorgehen entspreche dem Muster des threat control override, wie man es bei floride psychotischen Menschen mit Schi- zophrenie kenne. Es gehe um raptusartige, wahnhaft motivierte mehr oder minder schwere, impulsiv ausgeführte Aggressionsdelikte. Insofern könne aus forensisch- psychiatrischer Sicht in jedem Fall als gesichert geltend, dass die Steuerungsfähigkeit in ganz ausgeprägter Weise (erheblich) vermindert gewesen sei und zwar über den gesamten Zeitraum des lang hingezogenen Tatgeschehens

        (Urk. 132 S. 79). Unter Bezugnahme auf die forensische Lehrmeinung von Nedo- pil hielt die Zweitgutacherin sodann weiter dafür, dass die Steuerungsfähigkeit nicht ausschliessbar auch gänzlich aufgehoben gewesen sei, wobei die Aufhe- bung der Steuerungsfähigkeit sich nicht aus dem operativen Handlungsablauf, sondern aus der hochgradigen Affektdynamik vor dem Hintergrund des wahnhaf- ten Erlebens ergebe (Urk. 132 S. 81, vgl. auch S. 80). Eine gewissermassen wis- senschaftlich-metrisch exakte Trennung sei hier nicht möglich, sondern es gehe um die psychiatrische Argumentation der Gewichtung, wie das innere Erleben ei- nes akut psychotischen Menschen beschaffen sei und welche Folgen sich für die Steuerung und Hemmung von Handlungsimpulsen ergebe. Man könne eine auf- gehobene Steuerungsfähigkeit sehr wohl lege artis entsprechend der gängigen Fachliteratur begründen. Es bleibe an dieser Stelle eben genau jene juristisch normative Entscheidung, die der Psychiater als Sachverständiger nicht auflösen könne und dürfe (Urk. 132 S. 81).

      2. In dem auf gerichtliche Aufforderung vom 16. Februar 2018 (Urk. 145) hin erstatteten ergänzenden Gutachten hielt die Zweitgutachterin unter Hinweis auf ihre Ausführungen in ihrem ersten Gutachten an ihrer Diagnose einer alkoholin- duzierten schizophreniformen psychotischen Störung fest (Urk. 151 S. 33 ff.) und betonte, dass es ganz klar sei, dass der Beschuldigte sich von dem wahnhaften Erleben erst nach mehreren Wochen habe distanzieren können und dass gerade das für die von ihr gestellte Diagnose spreche (vgl. Urk. 151 S. 40, 47). Ferner wies sie u.a. erneut und teilweise präzisierend darauf hin, dass man sich aus fo- rensisch-psychiatrischer Sicht zur Frage der Steuerungsfähigkeit unterschiedlich verhalten könne und man bei einer Priorisierung des formalen, äusserlich erkenn- baren Tatablaufs (mit Unterbrechung der Handlungen und mehrzeitigem Agieren am Opfer) von einem gewissen Erhalt der Steuerungsfähigkeit ausgehen müsse, also eben nicht Steuerungsunfähigkeit vorliege. Wenn man der Innenwelt des Beschuldigten folge, dass dieser sich (psychotisch bedingt) massiv bedroht gefühlt habe, dann erscheine der gesamte, lang hingezogene Tatablauf im Zusammen- hang mit der nicht vorhandenen Distanzierungsfähigkeit vom Wahn und damit er-

scheine das mehrzeitige Geschehen aus derselben Wurzel verschobener, psy- chotischer Realitätswahrnehmung und affektiver Erregung. Das führe dazu, dass sie dargelegt habe, dass man beim Beschuldigten unter normativer Berücksichti- gung dieser Aspekte auch eine aufgehobene Steuerungsfähigkeit für das Tatge- schehen annehmen könnte. Für eine lediglich erheblich verminderte Steuerungs- fähigkeit spreche dann das Fluchtverhalten, weil dieses Verhalten natürlich eine gewisse Sinnhaftigkeit zeige. Allerdings sei der Beschuldigte auch bei Eintreffen der Einsatzkräfte durch seine psychopathologischen Symptome aufgefallen, so dass eben doch sichtbar geworden sei, dass hier ein hoch akuter psychotischer Zustand vorgelegen habe. Von daher sei sie zum Ergebnis gekommen, dass zur Tatzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine erheblich verminder- te Steuerungsfähigkeit vorgelegen habe, aber Steuerungsunfähigkeit für die ge- samte Tathandlung an dem Privatkläger, der als Aggressor psychotisch verkannt worden sei, nicht ausgeschlossen werden könne. Im Hinblick auf genau jenes Wissen um die Grenzen der sachverständigen Entscheidungsbefugnis habe sie in ihrem Gutachten auf jene normativen Aspekte verwiesen, die nur vom Gericht festzulegen seien. An der erheblichen Verminderung der Steuerungsfähigkeit ge- be es für sie aus forensisch-psychiatrischer Sicht keinen Zweifel. Restzweifel könnten an der Annahme einer gänzlichen Steuerungsunfähigkeit angebracht werden. Die Frage sei, inwiefern man die Sinnkontinuität des psychotischen Erle- bens in den Vordergrund rücke, oder ob man das formal lang hingezogene und unterbrochene Tatgeschehen hier anders gewichten wolle. Diese Gewichtung sei Aufgabe der Justiz (Urk. 151 S. 42 ff., vgl. auch S. 48). Selbst wenn eine Person als bedrohlich werde und die Täterperson infolge psychotischen Erlebens meine, die eigene Existenz durch Aggression retten bzw. sichern zu müssen, so sei doch grundsätzlich auch das Wissen darüber vorhanden, keine übermässige Gewalt anwenden zu dürfen. Bei einem solchen psychotischen Erleben bestünden aber neben der kognitiven Störung (falsche Denkinhalte) auch Wahrnehmungsstörun- gen (siehe Handybilder) und eine erhebliche Veränderung der Affektivität, die zu- meist mit einem extrem starken Angsterleben einher gehe. Aus der affektiven Komponente heraus sei es eben objektivierbar bei solchen hoch akuten psychoti- schen Krankheitsbildern im begründeten Einzelfall kaum möglich, exakt zwischen

erheblich verminderter und aufgehobener Steuerungsfähigkeit zu unterscheiden (Urk. 151 S. 44). Ferner führte sie aus, dass die (in ihrem ersten Gutachten ver- worfene) Annahme, der Beschuldigte habe tatsächlich einen günstigen Moment für den initialen Angriff auf den Privatkläger abgewartet, an ihrer Schlussfolge- rung, dass das Gesamtgeschehen psychotisch motiviert gewesen sei, nichts än- dern würde. Hingegen würde das ganz eindeutig für eine erhaltene Rest- Steuerungsfähigkeit sprechen, und das Thema der nicht ausschliessbaren Steue- rungsunfähigkeit wäre aus ihrer Sicht ad acta zu legen (Urk. 151 S. 46, 48). Wenn man sich das Video anschaue und den psychotischen Zustand des Beschuldigten in Rechnung stelle, dann stelle sich ebenso zu Recht die Frage, ob denn der vom Beschuldigten geschilderte günstige Zeitpunkt wirklich vorgelegen habe. Nehme man ihn beim Wort, dann komme man zur erheblich verminderten, aber nicht auf- gehobenen Steuerungsfähigkeit. Nehme man aber an, dass es sich hier auch ret- rospektiv um ein Narrativ erhaltener Teilkontrolle über die Situation handeln kön- ne, [komme man zu einem anderen Schluss]. Schon die Tatsache allein, dass der Beschuldigte überhaupt auf den vor ihm her tänzelnden Mann losgegangen sei, sei ja ein psychotisch entsteuertes Verhalten. Die Berücksichtigung operativer Ab- läufe spiele im Hinblick auf die (teilweise oder voll) erhaltene Steuerungsfähigkeit vor allem eine Rolle bei der ausschliesslichen Beurteilung von Rauschzuständen bei einer Tat. Hier aber komme eine motivationale Komponente in Betracht infolge eins hochgradig veränderten Erlebens der Realität, bei der der Beschuldigte sich in der Situation selbst nicht mehr von dieser verzerrten Form des Erlebens distan- zieren konnte (Urk. 151 S. 48 f.). Es treffe zu, dass sie bei ihren Darlegungen da- von ausgehe, dass das wahnhafte Erleben und das dieses begleitende Bedro- hungsgefühl während des gesamten Tatgeschehens bis (jedenfalls) zur Verhaf- tung angehalten habe und die starke Angst des Beschuldigten vor dem Privatklä- ger während dieses Zeitraums der handlungsleitende Affekt gewesen sei (Urk. 151 S. 49). Es sei grundsätzlich denkbar, dass ein Täter zwar wahnhaft wahr- nehme und in diesem Zusammenhang Ängste entwickle, dies aber nicht mehr (al- lein) handlungsbestimmend sei, weil sich die Situation geändert habe. Sie kenne auch aus eigener sachverständiger Tätigkeit Fälle, in denen ein psychotischer Tä- ter eine Tathandlung, zu der er habe ansetzen wollen abgebrochen habe, weil er

die Situation plötzlich anders eingeschätzt habe. Bei den Gewalttaten entspre- chend des TCO sei es jedoch häufig so, dass ein Gewaltexzess vorliege und der Täter eben nicht zu jenem Zeitpunkt die Gewalthandlung beendet habe, als rein rational betrachtet ohnehin keine körperliche Gefahr mehr zu erwarten gewesen wäre. Psychotisches Erleben lasse sich vom Sinnzusammenhang, von der Motiv- lage und von den Affekten her eben in gar keiner Weise mit einem Realitätserle- ben und den Selbststeuerungsmechanismen eines gesunden Menschen verglei- chen. Das mache es mitunter für Aussenstehende ohne klinische Kenntnis der Psychiatrie verständlicherweise extrem schwierig, diese Darlegungen nachzuvoll- ziehen. Der Tatablauf und die Äusserungen des Beschuldigten bei der Verhaftung sprächen für ein psychotisches Geschehen und dafür, dass der Beschuldigte in der Lage gewesen sei, das Unrecht seiner Tat einzusehen, aber nur erheblich vermindert in der Lage gewesen sei, sich nach dieser Einsicht zu steuern (Urk. 151 S. 51 f., 53). Wenn der Beschuldigte in der Hafteinvernahme erklärt habe, er habe mit Schlagen aufgehört, als der Privatkläger sich nicht mehr gewehrt habe, dürfte dies dem Bedürfnis entsprechen, das Tatgeschehen noch einigermassen gemäss des vorhandenen Selbstbildes einzuordnen. Personen mit hoch akuten psychotischen Erregungszuständen seien aber nicht in der Lage, im Nachhinein ihr Verhalten wirklich vollumfänglich realistisch zu schildern, weil sie sich in der Si- tuation selbst nicht so beobachten könnten, wie eine psychisch gesunde Person (Urk. 151 S. 52). Der Unterbruch der Aggression nach dem initialen Angriff und die weiteren mit Unterbrechungen während mehr als zwanzig Minuten erfolgten Angriffe auf den wehrlosen Privatkläger erklärten nicht zwingend eine erhaltene restliche Steuerungsfähigkeit, sondern stünden eher dafür, dass der Beschuldigte sich in der Tatsituation nicht von dem Gedanken und von den Affekten im Hinblick auf eine eigene existentielle Bedrohung habe distanzieren können (Urk. 151

S. 53).

4.1 Beide amtlich bestellten Gutachter gehen folglich übereinstimmend und im Licht der Aktenlage auch überzeugend von einem tatrelevanten psychotischen Er- leben des Beschuldigten aus. Differenzen bestehen dagegen in der diagnosti- schen Einordnung der Störung und in der Bewertung der Folgen der psychoti- schen Symptomatik auf die Steuerungskräfte, wobei gemäss den einleuchtenden

Darlegungen beider Gutachter die diagnostischen Differenzen für die Beurteilung der Schuldfähigkeit des Beschuldigten nicht von Belang sind. Während der Erst- gutachter die Einsichtsfähigkeit des Beschuldigten als erhalten und die Steue- rungsfähigkeit als schwer vermindert sieht, stellt sich die Zweitgutachterin auf den Standpunkt, dass die Einsichtsfähigkeit des Beschuldigten erhalten, die Steue- rungsfähigkeit dagegen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erheb- lich vermindert und nicht ausschliessbar auch gänzlich aufgehoben gewesen sei. Welche Auffassung überzeugt, ist vom Gericht im Rahmen der freien Beweiswür- digung zu entscheiden. Die Privatgutachten (Urk. 49/1; Urk. 49/2; Urk. 92/1;

Urk. 92/2; Urk. 99), die nach ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung keine Beweismittel darstellen, sind dabei als Teil des Parteivorbringens des Beschuldig- ten (substantiierte Einwendungen) in die Überlegungen einzubeziehen (BGE 141 IV 369 E. 6; BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.1 f.). Ihre diesbezüglich selbständige Be- deutung hat sich im Lauf des Verfahrens allerdings insofern relativiert, als auf ih- rer Grundlage Stellungnahmen des Erstgutachters eingeholt und ein Zweitgutach- ten in Auftrag gegeben wurde, das sich hinsichtlich der relevanten Frage der Schuldfähigkeit im Wesentlichen der Argumentationslinie der Privatgutachter an- schliesst und zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie diese gelangt. Zur Frage der Schuldfähigkeit des Beschuldigten wurde mithin unter Berücksichtigung der (fachärztlich substantiierten) Vorbringen des Beschuldigten auf hohem Niveau ei- ne umfassende fachärztliche Diskussion geführt, die sich in den Expertisen und Stellungnahmen des Erstgutachters und der Zweitgutachterin widerspiegelt. Na- mentlich werden darin auch die unterschiedlichen forensisch-psychiatrischen Grundhaltungen bei der Beurteilung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit von unter dem Einfluss wahnhaften Erlebens handelnden Tätern thematisiert, die ins- besondere bei einer Gegenüberstellung des Erstgutachtens und den Äusserun- gen von Dr. G. deutlich werden, aber auch von Prof. Dr. F. explizit angesprochen wurden.

      1. Die Zweitgutachterin unterscheidet zwischen der Steuerungsfähigkeit auf motivationaler und auf exekutiver Ebene. Ihre Schlussfolgerung einer nicht aus- schliessbar gänzlich aufgehobenen Steuerungsfähigkeit zieht sie auf motivationa- ler Ebene. Ihre Argumentation weist dabei Berührungspunkte namentlich zu den

        Äusserungen von Dr. G. und Dr. I. auf und offenbart in der Auseinan- dersetzung mit dem Standpunkt des Erstgutachters auch von diesem bestätigte unterschiedliche Lehrmeinungen bzw. Haltungen innerhalb der forensischen Psy- chiatrie. Diese betreffen die Frage der Gewichtung von psychotischem Erleben und konkretem Tatablauf bei der Beurteilung von Einsichts- und Steuerungsfähig- keit. Während die eine Denkschule die aufgehobene Einsichts- und/oder Steue- rungsfähigkeit im Grundsatz als unausweichliche Konsequenz des psychotischen Erlebens sieht, verneint die andere eine solche Zwangsläufigkeit und orientiert sich als Folge davon bei der Beurteilung der Freiheitsgrade eines Täters auch wesentlich am konkreten Tatverlauf. Die Kontroverse führt im vorliegenden Fall gemäss den überzeugenden Darlegungen beider amtlich bestellten Gutachter zu einem Beurteilungsspielraum, der forensisch-psychiatrisch nicht ausgefüllt werden kann (Urk. 61 S. 3; Urk. 151 S. 43 f.; Urk. 154 S. 1 f.). Wenn der Erstgutachter in seiner Stellungnahme vom 5. November 2015 festhält, dass nun zwei Hypothesen im Raum stünden, die jeweils mit guten Gründen vertreten werden könnten

        (Urk. 61 S. 7), ist die Bemerkung vor diesem Hintergrund zu verstehen. Sie ver- weist auf die vom Richter auf der Stufe der Schuld vorzunehmende Wertung, ob einem Beschuldigten sein Verhalten nach strafrechtlichen Massstäben zum Vor- wurf gemacht werden kann, und bedeutet nicht, dass dem Entscheid über die Schuldfähigkeit des Beschuldigten ohne weiteres das Begutachtungsergebnis zu- grunde zu legen ist, das für ihn am günstigsten ist.

      2. Das Gesetz geht von der Fähigkeit des Menschen aus, einen der Straf- rechtsordnung gemässen Willen zu bilden und diese Willensbildung im eigenen Tun und Lassen durchzuhalten (BSK StGB-BOMMER, Vor Art. 19 N. 16). Schwe- re psychische Störungen können dazu führen, dass der Schuldvorwurf entfällt. Psychiatrische Diagnosen sind jedoch nur dann und insoweit relevant, als sie be- zogen auf das Verhalten eines Täters zum Tatzeitpunkt zu einer erheblichen Ein- schränkung der Einsichts- und/oder Steuerungsfähigkeit geführt haben (vgl. Art. 19 Abs. 1 StGB). Psychiatrische Diagnosen, die zwangsläufig zum Ausschluss der Schuldfähigkeit führen, gibt es aus rechtlicher Sicht folglich nicht. Der Frei- heitsgrad eines Täters muss immer für den Tatzeitraum bezogen auf die konkrete Tat ermittelt werden. Das setzt (selbst, wenn ein gerichtetes Aussageverhalten

ausgeschlossen werden kann) eine Auseinandersetzung mit dem Gesamtverhal- ten eines Täters vor, während und nach der Tat voraus. Bei Tätern, deren Welt- bezug psychotisch deformiert ist, ist dabei namentlich zu beachten, dass deren Handlungsspielraum vom Ausprägungsgrad der Symptomatik (vgl. Urk 151 S. 46, Urk. 154 S. 6 f.) und vom Wahninhalt selbst abhängt. So wird für einen Täter, der sein Gegenüber als Teufel verkennt, den er vernichten muss, um sich vor ewiger Verdammnis zu retten, ein überschiessend aggressiver, zerstörerischer Angriff unausweichlich sein. Für einen Täter, der sein Gegenüber als gefährlichen Men- schen verkennt, ist das dagegen nicht zwingend. Eine grundsätzlich intakte Vor- stellung vom Notwehrrecht und seinen Grenzen vorausgesetzt, können für diesen abhängig vom Ausprägungsgrad der Symptomatik und vom konkreten Wahninhalt trotz psychotischen Erlebens Handlungsspielräume bestehen oder sich durch ei- ne Veränderung der Bedrohungslage ergeben, die wertungsmässig relevant sind, weil gemäss den in Art. 15 und 16 StGB kodifizierten gesellschaftlichen Vorstel- lung auch die im Ansatz (d.h. motivational) gerechtfertigte Selbstverteidigung in der konkreten Durchführung vorwerfbar sein kann. Wenn im ersten Fall aus fo- rensisch-psychiatrischer Sicht selbst bei längeren, allenfalls unterbrochenen Tat- verläufen auf motivationaler Ebene vom psychotischen Zustand auf fehlende Ein- sichts- und/oder Steuerungsfähigkeit geschlossen wird, mag das einleuchten. Wenn im zweiten Fall unter den gleichen Voraussetzungen vom psychotischen Tatmotiv Selbstverteidigung, einem psychotischen Sinn-Kontinuum folgend oh- ne weiteres auf fehlende Einsichts- und/oder Steuerungsfähigkeit geschlossen wird, überzeugt das dagegen nicht. Dabei soll nicht einem normalpsychologischen oder laienhaften Blick auf den Tatverlauf, der die naturwissenschaftlich- medizinische Perspektive negiert, das Wort geredet sein. Dass es sich bei einer Psychose nicht bloss um eine quantitative Abweichung von einer postulierten Norm, sondern um eine qualitative Veränderung des psychischen Erlebens han- delt, die in ihren Auswirkungen von Laien nur schwer zu ermessen ist, steht aus- ser Frage. Es ist aber festzuhalten, dass die Annahme relevanter Freiheitsgrade nicht voraussetzt, dass ein Täter seine psychotisch bedingte Angst vor seinem Gegenüber überwindet bzw. sich von den Angstaffekten gänzlich distanziert. Es genügt vielmehr, dass der Täter im Umgang mit seiner psychotisch bedingten

Angst Handlungsspielräume hat. Das macht den vom Erstgutachter postulierten (Urk. 61 S. 3 f.) Abgleich des von psychotischen Ängsten geprägten subjektiven Erlebens eines Täters mit seinen auf Handlungsebene und in tatnahen Stellung- nahmen nachvollziehbaren bzw. ableitbaren Fertigkeiten (beispielsweise die Kri- tik- und Handlungsfähigkeit betreffend) unerlässlich und bei der Beurteilung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit psychotischer Täter zum entscheidenden Element.

      1. Der Beschuldigte und der Privatkläger unterhielten sich zunächst während rund zwanzig Minuten, wobei der Beschuldigte - wie die Videoaufzeichnung zeigt

        • eher auf den Privatkläger reagierte als das Gespräch selber zu gestalten

          (Urk. 16/4; vgl. Urk. 83 S. 22 f.). Das Erleben des Beschuldigten war dabei ab ei- nem nicht genauer bestimmbaren Zeitpunkt unstrittig von realitätsfernen Ängsten und Wahrnehmungsstörungen geprägt. Der Beschuldigte glaubte in wahnhafter Verkennung der tatsächlichen Begebenheiten, sich in einer ihn bedrohenden Notwehrlage zu befinden. Konkret erlebte er den Privatkläger als Drogendealer, der ihn in seine Geschäfte involvieren wollte und ihn bzw. seine Familie zu die- sem Zweck bedrohte. Aus dieser Situation bzw. Bedrohung habe er rausgewollt. Gegen den Kopf habe er geschlagen, weil er gedacht habe, dass der Privatkläger zurückschlagen würde, wenn er ihn woanders hinschlage. Er habe ihn so wider- standsunfähig machen wollen, dass er nichts mehr gegen ihn tun könne. Er habe einfach nur weg und nach Hause gewollt. Dass der Privatkläger liegen bleiben würde, sei ihm vollkommen egal gewesen. Er habe nur weggewollt. Gegenüber dem Erstgutachter gab er ferner an, er habe gedacht lass mich bloss in Ruhe und wehe, du tust meiner Freundin was an (Urk. 2 S. 2; Urk. 12/1 S. 5 ff.;

          Urk. 29/19 S. 22 f.). Die Idee des Beschuldigten war es folglich, den Privatkläger widerstandsunfähig zu machen, um nach Hause fliehen zu können. Aus den An- gaben gegenüber dem Erstgutachter kann zudem eine gewisse Wut des Beschuldigten über die (vermeintliche) Drohung, seiner Freundin etwas anzutun, entnommen werden. Von einer Zerstörung des Privatklägers als Handlungsziel sprach er dagegen weder ausdrücklich noch sinngemäss. Wenn Privatgutachter Dr. I. seinen Überlegungen ein Wahnerleben zugrunde legt, gemäss dem nur die Zerstörung des Privatklägers eine Rettung möglich machte (Urk. 92/1 S.

          9), findet das in den Akten mithin keine Stütze. Folgerichtig erklärte der Beschul- digte während der Verhaftung u.a., dass er sich nur verteidigt, dabei aber etwas überreagiert habe (Urk. 2).

      2. Vor dem initialen Angriff unterhielten sich der Beschuldigte und der Privat- kläger während längerer Zeit. Um 04:10 Uhr drehte sich der Privatkläger vom Beschuldigten weg Richtung Tramgeleise (Urk. 16/4; vgl. Urk. 83 S. 24). Der initiale Angriff erfolgte ohne von aussen erkennbaren Anlass in dem Moment, als der Pri- vatkläger sich zurückdrehte bzw. gerade zurückgedreht hatte. In den darauf fol- genden gut sieben Minuten griff der Beschuldigte den Privatkläger an den Hals, schlug ihn gegen den Kopf und verpasste ihm Fusstritte. Der Privatkläger wehrte sich zunächst noch erkennbar gegen den Angriff des Beschuldigten. Ab 04:13 Uhr lag er wehrlos, aber nicht gänzlich bewegungsunfähig am Boden. Eine letzte grössere, selbständige Bewegung führte er um 04:16 Uhr aus, als er sich zur Sei- te drehte. Der Beschuldigte versuchte, den wehrlosen Privatkläger um 04:13 Uhr vom Boden hochzuziehen, liess ihn dann aber wieder fallen und entfernte sich ei- nige Meter vom Privatkläger. Dann kehrte er zurück und trat mehrfach gegen den Kopf des am Boden liegenden Privatklägers, bevor er diesen in den nächsten zwei Minuten - von den Kameras nicht erfasst - ca. zwei Meter wegschleppte oder trug. Um 04:16 Uhr trat er erneut gegen den Kopf des Privatklägers. Nachdem dieser sich zur Seite gedreht hatte, trat der Beschuldigte gegen dessen Arm und um 04:17 Uhr gegen dessen Kopf. Danach bewegte sich der Beschuldigte ohne grosse Gestik um den Privatkläger herum. Rund 17 Minuten später trat er mit grossen Ausholbewegungen noch mindestens drei Mal gegen den Kopf des be- wegungslos am Boden liegenden Privatklägers. Danach verliess er den Tatort ru- higen Schrittes Richtung K. -park (Urk. 16/4; Urk. 83 S. 24 ff.). Kurz darauf kehrte er an den Tatort zurück. Er gab an, er sei Richtung K. gegangen und habe dann gemerkt, dass es nicht gehe. Dann sei er zurück (Urk. 12/1 S. 3). Dort sei der Privatkläger immer noch gelegen. Er habe gedacht: Scheisse (Urk. 12/1

        S. 7). Schliesslich floh der Beschuldigte in den Tramtunnel, als er die anrückende Polizei bemerkte (Urk. 2 S. 2; Urk. 12/1 S. 3). An der Tramhaltestelle wurde er im Untergeschoss bei den Perrons um ca. 04:54 Uhr angehalten und wider- standslos verhaftet (Urk. 2).

      3. Davon ausgehend erfolgte der initiale Angriff aus Sicht eines unbefangenen Beobachters unvermittelt und weitgehend ungehemmt. Ab 04:13 Uhr stellte der Privatkläger für den Beschuldigten auch dessen Wahnerleben folgend keine Ge- fahr mehr dar. Dennoch wirkte der Beschuldigte insgesamt weiterhin getrieben und übte gegen den Privatkläger auch immer noch Gewalt aus. Anders als in der unmittelbaren Anfangsphase unterbrach er seine Aggression allerdings auch wie- derholt und zeigte Ansätze konstruktiven Verhaltens (Weggehen, Privatkläger hochziehen, wegbringen), reagierte also phasenweise recht adäquat auf die ob- jektiv veränderten Umstände, auch wenn offen bleiben muss, was er dabei genau dachte bzw. vorhatte. Nach den Fusstritten um 04:17 Uhr beruhigte sich die Situa- tion bzw. der Beschuldigte von aussen betrachtet so weit, dass die rund 17 Minu- ten später gegen den Kopf des regungslos am Boden liegenden Privatklägers ausgeführten wuchtigen Fusstritte auf einen unbefangenen Beobachter eher als Ausdruck von Wut als von Angst erscheinen. Selbst wenn man aber den involvier- ten Fachärzten folgend die psychotische Angst auch bei dieser letzten Aggression gegen den Privatkläger als grundsätzlich handlungsleitenden Affekt anerkennt, erscheint das Verhalten des Beschuldigten bis dahin nicht einfach als eine Anei- nanderreihung von Gewalt- und anderen Fehlhandlungen oder bizarrem Reagie- ren. Namentlich zeigte er zwischenzeitlich immer wieder die Fähigkeit, von Ag- gression gegen den Privatkläger Abstand zu nehmen, so dass sein Verhalten während des lang hingezogenen Tatablaufs nicht als ausschliesslich von Angstaf- fekten dominiert erscheint. Dazu passt, dass er auch unmittelbar nach der Tat, trotz weiterhin auffälliger Psychopathologie, nicht einfach ungerichtet handelte, sondern auf äussere Umstände relativ adäquat reagierte. So kehrte er im

K. -park um, als er merkte, dass sein Plan nicht aufging, rechtfertigte seine Tat gegenüber dem Tramchauffeur, der ihn ansprach (Urk. 14/2 S. 2), und ver- liess danach den Tatort wieder, weil er die anrückende Polizei wahrnahm. Dass sein Verhalten daneben auch ungerichtete Aspekte enthält und dieses und seine Äusserungen zeigen, dass die wahnhafte Verkennung fortdauerte, worauf die Zweitgutachterin und Dr. G. wiederholt hinweisen, steht ausser Frage. Wä- re das nicht oder in geringerem Ausmass der Fall, stünde eine erhaltene oder ei- ne nur leicht bis mittelschwer eingeschränkte Steuerungsfähigkeit zur Diskussion.

Insgesamt sind die sich auf der Handlungsebene zeigenden Hinweise auf eine noch teilweise erhaltene Steuerungsfähigkeit bei einer Gesamtschau aber so er- heblich, dass sich ein Abstellen allein auf die Sinnkontinuität des psychotischen Erlebens nicht (mehr) rechtfertigt. Vor diesem Hintergrund überzeugt die Auffas- sung des Erstgutachters, gemäss welcher von einer erheblich bzw. schwerstgra- dig verminderten Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit, nicht aber von Steuerungsunfä- higkeit auszugehen ist.

Der Vollständigkeit halber ist zudem anzumerken, dass der Beschuldigte während der Verhaftung und in der Hafteinvernahme angab, er habe einen Moment der Unaufmerksamkeit des Privatklägers für den Angriff ausgenützt (Urk. 2 S. 2;

Urk. 12/1 S. 8). Tatsächlich zeigt die Videoeinvernahme, dass sich der Privatklä- ger unmittelbar vor dem initialen Angriff vom Beschuldigten weg Richtung Tram- geleise drehte. Unter Berücksichtigung der Reaktionszeit ist es dabei ohne weite- res möglich, dass der Beschuldigte sich in diesem Moment der Unaufmerksamkeit des Privatklägers zur Ausführung des bereits zuvor als unausweichlich bewerte- ten Angriffs entschloss. Daran ändert nichts, dass der Beschuldigte vor dem initia- len Angriff keine sichtbaren Körperreaktionen zeigte, wie die Verteidigung richtig festhält (vgl. Urk. 163 S. 6). Zudem widerspricht diese Annahme auch seiner - von der Verteidigung als plötzliches Schwarzsehen zusammengefassten (Urk. 163

S. 10) - Deposition, er habe angesichts der fortgesetzten Drohungen des Privat- klägers irgendwann schwarz gesehen und auf ihn dreingeschlagen bzw. er ha- be dann schwarz gesehen und auf ihn dreingeschlagen (Urk. 12/1 S. 2 f.) nicht. Der Beschuldigte schilderte damit den groben Ablauf der Ereignisse aus seiner Sicht. Die hier interessierende Bemerkung konkretisierte dagegen den Moment der Entscheidung zum initialen Angriff (vgl. Urk. 12/1 S. 8). Seine Aussage weist folglich (anders als andere) einen nachgewiesenen Bezug zur Realität auf und kann nicht - wie dies die Zweitgutachterin (Urk. 132 S. 62 f.; Urk. 151 S. 52) und die Verteidigung tun (Urk. 163 S. 6, 10 f.) - als blosses Konstrukt des Beschuldig- ten verstanden werden. Das gilt namentlich auch, weil die Fähigkeit, bei der Auf- lösung des Angriffs einen günstigen Moment abzuwarten, nicht von der Diagnose an sich, sondern vom Ausprägungsgrad der Symptomatik und ihrer Auswirkung auf die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit abhängt (Urk. 154 S. 6 f.), und sich

auch im weiteren Tatverlauf Hinweise auf vorhandenen Freiheitsgrade zeigen. Die Fähigkeit, einen günstigen Moment abzuwarten, wird von beiden amtlich bestell- ten Gutachtern als eindeutiger Hinweis auf Reste vorhandener Steuerungsfähig- keit bewertet.

4.4 Folglich ist der Schuldausschlussgrund der Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB zu verneinen. Weitere Schuldausschlussgründe sind nicht er- sichtlich.

5. Der Beschuldigte ist damit in Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.

V.

1. Der Beschuldigte hat die heute zu beurteilende Tat vor dem Inkrafttreten der seit 1. Januar 2018 geltenden neuen Bestimmungen des Allgemeinen Teils des Strafgesetzbuches (Änderung des Sanktionenrechts; AS 2016 1249) begangen. Das neue Recht ist daher auf diese nur anzuwenden, sofern es für den Beschul- digten im konkreten Fall zu einem günstigeren Ergebnis führt (Art. 2 Abs. 2 StGB; DONATSCH, in: Donatsch/Heimgartner/Isenring/Weder [Hrsg.], Kommentar zum StGB, 20. Auflage 2018, Art. 2 N 10). Das ist nicht der Fall. Das seit dem 1. Janu- ar 2018 geltende (neue) Sanktionenrecht sieht grundsätzlich keine mildere Bestrafung vor. Eine Gesamtstrafenbildung gemäss Art. 46 Abs. 1 StGB oder die Anwendung von Art. 46 Abs. 2 StGB, welche zu einem für den Täter günstigeren Ergebnis führen können, stehen vorliegend nicht zur Diskussion. Die Sanktion ist folglich gestützt auf die Bestimmungen des im Tatzeitpunkt geltenden Sanktionen- rechts festzulegen.

    1. Der ordentliche Strafrahmen für eine vorsätzliche Tötung beträgt fünf bis zwanzig Jahre (Art. 111 StGB). Aufgrund des Zusammentreffens der schweren Verminderung der Schuldfähigkeit des Beschuldigten und der versuchten Tatbe- gehung, liegen jedoch besondere Umstände im Sinne von BGE 136 IV 55 vor, die ein Unterschreiten dieses ordentlichen Strafrahmens rechtfertigen. Es ist in Anwendung von Art. 48a StGB folglich von einem gegen unten offenen und bis zwanzig Jahren Freiheitsstrafe reichenden Strafrahmen auszugehen.

    2. Innerhalb des Strafrahmens bemisst das Gericht die Strafe nach dem Ver- schulden des Täters, wobei das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse des Täters sowie die Wirkung der Strafe auf dessen Leben zu berücksichtigen sind (Art. 47 Abs. 1 StGB; vgl. zu den Einzelheiten BGE 123 IV 49 E. 2, BGE 136 IV

55).

3.1 Bei der Bewertung der objektiven Tatschwere ist, wenn es wie vorliegend beim Versuch geblieben ist, gedanklich vom vollendeten Delikt auszugehen. Der Beschuldigte versetzte dem Privatkläger über einen Zeitraum von rund 25 Minu- ten Faustschläge und Tritte gegen den Kopf, wobei der Privatkläger - nach einem kurzen erfolglosen Versuch der Gegenwehr - bereits nach den ersten drei Minu- ten des Angriffs nicht mehr in der Lage war, sich zu wehren. Die Gewalt des Beschuldigten richtete sich in der Folge während knapp 20 Minuten gegen ein wehr- los am Boden liegendes Opfer. Die den Tötungsvorwurf begründenden letzten fünf wuchtigen Tritte gegen den Kopf des Privatklägers fallen ebenfalls in diese Phase der Tat. Das Vorgehen des Beschuldigten war vor diesem Hintergrund ob- jektiv von hartnäckiger Brutalität und Rücksichtlosigkeit geprägt. Zwar hatte der Beschuldigte vor der Tat die Nähe zum Privatkläger nicht eigentlich gesucht und eine Tatplanung bestand auch in anderer Hinsicht nicht. Ein auch nur im Ansatz nachvollziehbarer, aus dem Moment heraus entstandener Anlass für das von der Vorinstanz zu Recht als Gewaltexzess bezeichnete Verhalten des Beschuldigten bestand objektiv aber nicht. Umstände, die die den Tötungsvorwurf begründenden letzten fünf wuchtigen Tritte gegen den Kopf des Privatklägers nach ethischen Gesichtspunkten objektiv in wesentlich milderem Licht erscheinen lassen würden, fehlen. Insgesamt gehört die von grosser Brutalität geprägte Tat des Beschuldig- ten innerhalb der Kategorie der Tötungsdelikte zu den objektiv schwer wiegenden Taten. In objektiver Hinsicht ist vor diesem Hintergrund von einem schweren Ver- schulden des Beschuldigten auszugehen,

3.2.1 Zentral für das Verständnis und die Bewertung der (subjektiven) Schwere der Tat ist, dass der Beschuldigte diese in einem Zustand der schwerstgradigen

Verminderung der Schuldfähigkeit beging (Urk. 182 E. 1.11). Eine solche fällt dem üblichen Abstufungsmuster von leicht, mittelschwer und schwer folgend (vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.3 und 5.6) in die Kategorie der schweren Einschränkungen der Schuldfähigkeit (vgl. auch Urk. 29/19 S. 46).

        1. Ursache dieser schweren Verminderung der Schuldfähigkeit war eine im Tatzeitpunkt akute Alkoholintoxikation mit Wahrnehmungsstörungen (Urk. 29/19

          S. 45). Die Kammer ging im vom Bundesgericht hinsichtlich der Strafzumessung aufgehobenen Entscheid davon aus, dass der Beschuldigte diesen Zustand (aku- te Alkoholintoxikation mit Wahrnehmungsstörungen) zwar durch stark übermässi- ges und folglich verantwortungsloses Trinken herbeigeführt habe, jedoch nicht die mit einem Alkoholrausch üblicherweise verbundenen Phänomene wie Enthem- mung, Selbstüberschätzung, Kritikschwäche und Distanzlosigkeit, sondern eine alkoholbedingte Bewusstseins-Wahrnehmungsstörung zu seinem Gewaltexzess geführt hätten. Ein solches alkoholbedingtes psychotisches Erleben stelle gemäss dem amtlichen Gutachter aber ein seltenes Geschehen dar. Vor diesem Hinter- grund rechtfertige es sich nicht, die stark verminderte Schuldfähigkeit des Beschuldigten anders in die Bewertung des subjektiven Verschuldens einfliessen zu lassen als dies der Fall wäre, wenn sie ihre Ursache in einer Persönlichkeitsstö- rung oder einer anderen überdauernden Symptomatik hätte (Urk. 168 S. 39; ent- gegen der Vorinstanz Urk. 83 S. 60 f.). Sie ging damit (zu Gunsten des Beschul- digten) davon aus, dass die Verminderung der Schuldfähigkeit ungeachtet des als verantwortungslos qualifizierten Trinkens ohne Relativierung in die Bewertung des subjektiven Verschuldens einzubeziehen sei. Dieser Auffassung widerspricht das Bundesgericht. Es hält unter Hinweis auf den Alkoholisierungsgrad und die Aus- sagen des Beschuldigten gegenüber dem Gutachter fest, dass ein gefährliches und krass verantwortungsloses Trinkverhalten im Bewusstsein um eine erhöhte Reizbarkeit unter dem Einfluss von Alkohol zwar nicht im gleichen Umfang wie ei- ne fahrlässige actio libera in causa zu berücksichtigen sei, da die konkrete Tat nicht voraussehbar gewesen sei. Indes rechtfertige es sich umgekehrt auch nicht, den Täter bei einer solchen Sachlage verschuldensmässig so zu stellen, wie wenn die verminderte Schuldfähigkeit bspw. auf eine (unverschuldete) Persön- lichkeitsstörung zurückzuführen wäre. Die Kammer habe daher bei der Neubeurteilung zu prüfen, ob auf die Aussagen des Beschuldigten gegenüber dem Gut- achter zu seinem Trinkverhalten abgestellt werden könne (Urk. 182 E. 2.4).

        2. Der Beschuldigte wies gemäss dem Institut für Rechtsmedizin der Univer- sität Zürich (IRM) im Tatzeitpunkt eine Blutalkoholkonzentration von 1,76 bis 2,53 Gewichtspromillen auf (Urk. 17/11; vgl. auch Urk. 12/5 S. 4), eine Blutalkoholkon- zentration auf die ein nicht alkoholgewöhnter Konsumenten eher selten kommt (Urk. 29/14 S. 39) und einen Zustand im Bereich der deutlichen Trunkenheit bis zum schweren Rausch bedeutet (Urk. 17/11 S. 3). In der Hafteinvernahme berich- tete er, dass er zusammen mit weiteren Personen den 30. Geburtstrag eines Ar- beitskollegen in L. gefeiert habe und sie dann weiter in eine Kneipe in der Innenstadt gegangen seien. Auf dem Nachhauseweg sei er ziemlich betrunken an der Tramhaltestelle H. gesessen (Urk. 12/1 S. 2). Einen regelmässigen Al- koholkonsum verneinte er. Er habe in den letzten neun Monaten nur sehr selten getrunken, und wenn, dann einen Liter Bier. Gestern habe er erheblich mehr ge- trunken, nämlich im Zeitraum von 19.30 Uhr bis zum Tatzeitpunkt vier Liter Bier und ein kleines Fläschchen Jägermeister (Urk. 12/1 S. 4). In der einen Monat spä- ter durchgeführten staatsanwaltschaftlichen Einvernahme bestätigte er die Ge- burtstagsfeier im N. in L. und den darauf folgenden Besuch in einem Lokal in der Innenstadt, bei dem es sich mutmasslich um das M. handelte, und dass er betrunken an der Tramhaltestelle H. gesessen habe (Urk. 12/2

          S. 2 f.). Er wisse nicht genau, wann er das Lokal verlassen habe und wann er aufgehört habe zu trinken (Urk. 12/2 S. 7). Vor Vorinstanz gab er an, nicht zu wis- sen, wie viel er im N. und im M. getrunken hatte. Auf Vorhalt seiner diesbezüglichen Aussagen in den staatsanwaltschaftlichen Einvernahmen be- merkte er, das sei eine Schätzung gewesen (Prot. I S. 4 f.). Der Grund für das Trinken sei der Geburtstag seines Arbeitskollegen gewesen (Prot. I S. 9). Im ers- ten Berufungsverfahren wollte er auf Vorhalt seiner Aussagen zum von ihm ge- trunkenen Alkohol keine Ausführungen machen (Prot. II S. 12). Aus diesen Aus- sagen ist zu schliessen, dass der Beschuldigte unmittelbar vor der Tat erheblich mehr Alkohol getrunken hatte, als er es in den Monaten davor getan hatte. Glei- ches ergibt sich aus seinen Äusserungen gegenüber den beiden amtlich bestell- ten Gutachtern Prof. Dr. D. und Dr. med. C. (Urk. 29/19 S. 15, 36, 39)

          (Urk. 132 S. 35). Seit seinem 20. Altersjahr trinke er nur noch wenig Alkohol. So habe er ein halbes Jahr vor dem 18. Februar 2014 gar keinen Alkohol getrunken (Urk. 29/19 S. 15, 36, 39). Zusätzlich ist aus ihnen zu schliessen, dass der Beschuldigte sich der Gefahr des Kontrollverlusts bezogen auf das Trinken im Rah- men einer bereits bestehenden Alkoholisierung und seiner erhöhten Reizbarkeit unter Alkohol bewusst war. So erzählte der Beschuldigte Prof. Dr. D. u.a., dass er im Alter zwischen 16 und 18 Jahren alle zwei bis drei Wochen betrunken gewesen sei. Er habe dabei hauptsächlich Bier getrunken und damals schon ge- merkt, dass er je nach Tagesform bereits nach drei Flaschen Bier à 0,5 Liter ei- nen leichten Filmriss in Bezug auf Details gehabt habe. Insgesamt habe er sich vielleicht zehnmal übergeben. Alkohol mache ihn lockerer und helfe ihm, den Kopf abzustellen. Er interagiere dann auch weniger mit anderen Leuten und ziehe sich zurück. Wenn er ein gewisses Mass überschritten habe, könne er seine Trunken- heit nur noch schlecht einschätzen und sich dann schwer stoppen. Er trinke dann einfach weiter. Es sei ihm im Leben dreimal passiert, dass er unter Alkoholkon- sum jemandem gedroht habe, ihn zu schlagen. Es sei aber nie etwas passiert. Einmal sei er in der Bahn mit jemandem aneinandergeraten, der sich beklagt ha- be, dass er zu laut spreche. Ein weiteres Mal habe er jemanden in einer Döner- bude angebrüllt, der bei der Bedienung jemanden vorgezogen habe. Dass dritte Mal sei bei einer Klassenfahrt in Polen gewesen, wo ihm einer im Spass den Fin- ger umgedreht habe und er ihn dann angeschrien habe (Urk. 29/19 S. 15, 36, 39). Im Ergebnis gleichlautend äusserte er sich gegenüber Dr. med. C. , wobei aus seinen Angaben ihr gegenüber präzisierend hervorgeht, dass die Gefahr ei- nes Kontrollverlusts bezogen auf das Trinken gemäss seiner Erfahrung nach drei bis vier Bier bestand (Urk. 132 S. 34 f.). Die zusätzlichen Angaben gegenüber den beiden amtlich bestellten Gutachtern betreffen nicht den Ablauf des Kerngesche- hens, sondern zu gutachterlich-medizinischen Zwecken (Abklärung einer allfälli- gen Alkoholsucht bzw. der Schuldfähigkeit) erhobene lebensgeschichtliche Ent- wicklungen. Sie sind damit - was auch das Bundesgericht vorauszusetzen scheint

          • verwertbar (vgl. zum Ganzen BGE 6B_257/2020 und 6B_298/20). Materiell be- steht kein Grund, auf die Aussagen des Beschuldigten gegenüber Prof. Dr.

          D. nicht abzustellen. Sie erweisen sich als detailliert und lebensnah, und es

          zeigen sich keine Widersprüche zu den weiteren im Strafverfahren erhobenen Beweismitteln. Das nimmt auch die Verteidigung an (Urk. 190 S. 11).

        3. Dass extremer Alkoholkonsum zu Enthemmung, erhöhter Aggressionsbe- reitschaft und auch Bewusstseinsstörungen führen kann, ist als grundsätzlich be- kannt vorauszusetzen. Zudem ist aufgrund der erwähnten Aussagen des Beschuldigten gegenüber dem Gutachter davon auszugehen, dass er bezogen auf seine eigene Person aus persönlicher Erfahrung um die Gefahr eines Kontrollver- lusts beim Alkoholkonsum und seine erhöhte Reizbarkeit unter dem Einfluss von Alkohol wusste. Ungeachtet dessen trank er im Ausgang am Abend vor der Tat ungehemmt mit und konsumierte schliesslich eine so grosse Menge alkoholischer Getränke, dass er im Tatzeitpunkt eine gutachterlich festgestellte Blutalkoholkon- zentration aufwies, die von einer nicht trinkgewohnten Person eher selten erreicht wird und selbst ausgehend vom Minimalwert einem Zustand im Bereich von deut- lich betrunken bis Rausch entspricht, im Maximalbereich sogar einem schweren Rauschzustand (Urk. 17/7 S. 2). Er verursachte damit selbstverschuldet seine massive Trunkenheit und musste dabei aufgrund des bei ihm vorauszusetzenden Allgemeinwissens über die möglichen Folgen stark übermässigen Alkoholkon- sums und seiner persönlichen Erfahrungen damit rechnen, dass die mit seiner Al- koholisierung einhergehende erhöhte Reizbarkeit und (verbale) Aggressivität im Kontakt mit Dritten schlimmstenfalls zu ernsthaften, allenfalls auch physischen Auseinandersetzungen führen könnte. Es ist damit von einem gefährlichen und krass verantwortungslosen Trinkverhalten des Beschuldigten im Vorfeld der Tat auszugehen. Daran ändert nichts, dass der Beschuldigte gemäss seinen von der Verteidigung betonten (Urk. 190 S. 14) Angaben ab seinem 20. Altersjahr grund- sätzlich einen sorgfältigen Umgang mit Alkohol pflegte. Wie erwogen kannte der Beschuldigte die bei ihm bestehende Gefahr eines Kontrollverlustes beim Alko- holkonsum, zu dem es ausgehend von der Blutalkoholkonzentration im Zeitpunkt der Tat am fraglichen Abend offensichtlich gekommen war. Auch wenn die kon- krete Tat für den Beschuldigten nicht vorhersehbar war, hat er diese durch sein vorangegangenes gefährliches und krass verantwortungsloses Trinkverhalten dennoch begünstigt. Er ist daher gemäss den verbindlichen Feststellungen des Bundesgerichts verschuldensmässig strenger zu beurteilen, als wenn die vermin-

derte Schuldfähigkeit beispielsweise auf eine (unverschuldete) Persönlichkeitsstö- rung zurückzuführen wäre.

3.2.3 Die Verminderung der Schuldfähigkeit führt gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung zu einer Reduktion des Verschuldens, wobei das übliche Abstuf- tungsmuster anzuwenden ist und sich beispielsweise ein objektiv sehr schweres Tatverschulden wegen einer schweren Einschränkung auf ein leichtes bis mittel- schweres Verschulden reduzieren kann (BGE 136 IV 55 E. 5.5). Diesem Vorge- hen folgend reduziert sich das in casu objektiv schwere Tatverschulden unter Be- rücksichtigung der schweren Verminderung der Schuldfähigkeit des Beschuldig- ten auf ein sehr leichtes bis leichtes Verschulden bzw. unter zusätzlicher ver- schuldenserhöhender Berücksichtigung seines die Tat begünstigenden verant- wortungslosen Trinkverhaltens auf ein leichtes Verschulden.

3.3 Ferner ist in subjektiver Hinsicht leicht relativierend zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte nicht mit direktem Vorsatz, sondern lediglich eventualvorsätzlich handelte (BGE 6P.119/2003 E. 7.5), so dass insgesamt von einem leichten bis sehr leichten Verschulden auszugehen ist.

      1. Gemäss Art. 111 StGB wird eine vorsätzlich begangene Tötung mit einer Freiheitsstrafe von fünf bis zwanzig Jahren bestraft. Folglich führt auch ein ver- gleichsweise leichtwiegendes Tötungsdelikt regelmässig zu einer Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren. Das gilt auch für ein im Zustand verminderter Schuldfähigkeit begangenes Delikt, führt die verminderte Schuldfähigkeit alleine doch grundsätzlich nicht dazu, den ordentlichen Strafrahmen zu unterschreiten. Dazu bedarf es weiterer Umstände, die das Verschulden als besonders leicht er- scheinen lassen (BGE 136 IV 55 E. 5.5 und 5.8). Darauf verweist auch das Bun- desgericht in seinem Rückweisungsentscheid, in dem es die Unterschreitung des ordentlichen Strafrahmens (nur) unter Hinweis auf das Zusammentreffen des ge- mäss aufgehobenem Entscheid leichten bis sehr leichten Verschuldens zufolge verminderter Schuldfähigkeit mit dem strafreduzierenden Faktor des Versuchs anmahnt (Urk. 182 E. 2.3.2).

      2. Nach dem Erwogenen ist unter Berücksichtigung der verminderten Schuld- fähigkeit und des die Tat im Sinne der Erwägungen begünstigenden Trinkverhal- tens des Beschuldigten neu von einem leichten Verschulden auszugehen. Dieses reduziert sich aufgrund der lediglich eventualvorsätzlichen Tatbegehung auf ein leichtes bis sehr leichtes, nicht aber auf ein besonders leichtes Tatverschulden. Das rechtfertigt es, die hypothetische Einsatzstrafe für das vollendete Delikt auf fünf Jahre festzusetzen.

    1. Diese hypothetisch schuldangemessene Strafe ist aufgrund des Umstandes zu reduzieren, dass es beim Versuch geblieben ist. Dabei hängt das Mass der zu- lässigen Strafreduktion unter anderem von der Nähe des tatbestandsmässigen Erfolgs und von den tatsächlichen Folgen der Tat ab. Je näher der tatbestands- mässige Erfolg und je schwerwiegender die tatsächlichen Folgen der Tat waren, desto weniger wird die Strafe reduziert (BGE 121 IV 49 E. 1b).

    2. Der Privatkläger erlitt schwere mehrfache Brüche des Gesichtsschädels (insbesondere Mittelgesichtsbrüche und ein Nasenbeinbruch), überwiegend klein- fleckige Hauteinblutungen und Oberhautdefekte an den Lidhäuten und Wangen sowie über dem linken Schulterblatt und dem linken Aussenknöchel, kräftige Schwellungen der Lippen, fleckenförmige Einblutungen des Lippenrotes der Ober- lippe sowie Schleimhautdefekte an den Lippeninnenseiten sowie eine Gehirner- schütterung mit Bewusstlosigkeit bei einer GCS (Glasgow Coma Scale) von 5 und einer schweren Funktionsstörung des Gehirns. Die Verletzungen machten unmit- telbar eine gut einen Monat dauernde stationäre Behandlung mit vier Operationen in der Klinik für Unfallchirugie des Universitätsspitals Zürich (Urk. 20/6 S. 1) und einen anschliessenden rund drei Wochen dauernden Aufenthalt in einer Rehabili- tationsklinik (Urk. 20/14) notwendig. Gemäss Gutachten des Instituts für Rechts- medizin vom 8. Juli 2014 bestand für den Privatkläger aufgrund der erlitten Ver- letzungen beim Auffinden am Tatort aber auch im Verlauf der Spitalbehandlung im Universitätsspital Zürich aufgrund von typischen, auch unter optimalen Bedin- gungen nicht sicher zu verhindernden Komplikationen unmittelbare Lebensgefahr (vgl. Urk. 19/6 S. 6 ff.). Die dem Privatkläger tatsächlich zugefügten Verletzungen liegen von ihrer Schwere her damit im oberen Bereich derjenigen Beeinträchti-

gungen, die unter den Straftatbestand der schweren Körperverletzung von

Art. 122 StGB fallen. Dass der Privatkläger nicht starb, ist im Wesentlichen dem Zufall bzw. dem Umstand zu verdanken, dass ärztliche Hilfe rasch und effizient erfolgte. Davon ausgehend scheint eine leichte Reduktion der hypothetischen Einsatzstrafe für das vollendete Delikt auf 4 ¼ Jahre Freiheitsstrafe als angemes- sen.

    1. Der Beschuldigte ist deutscher Staatsangehöriger. Er wurde in O. ge- boren und ist zusammen mit einem zwei Jahre älteren Bruder bei seinen Eltern in bürgerlichen Verhältnissen in der Nähe von O. aufgewachsen. Das Verhält- nis zu seinen Eltern und seinem Bruder beschreibt er als sehr gut. Er schloss 2007 das Gymnasium mit dem Abitur ab und studierte danach bis 2013 - unter- brochen durch ein Praktikum von sechs Monaten in /USA - angewandte Infor- matik mit Medienwissenschaft als Nebenfach an der Universität . Im Zeitpunkt der Tat lebte er als Jahresaufenthalter B in der Schweiz und war seit Juni 2013 als [Funktionen] im Bereich [Bereich] an der Universität Zürich tätig. Nach seiner Entlassung aus dem vorzeitigen Strafvollzug anlässlich der Berufungsver- handlung vom 12. Juli 2016 (Prot. II S. 20) kehrte er nach Deutschland zurück. Seit dem 1. Januar 2017 ist er bei der P. als Software Engineer tätig und wird dort als Mitarbeiter sehr geschätzt (Urk. 191/1). Alkohol trinkt er offenbar nur noch in Mass bzw. nicht mehr (Urk. 191/2). Der Beschuldigte ist ledig und hat kei- ne Kinder. Die Beziehung zu seiner Partnerin sei im Frühsommer 2015 im beider- seitigen Einvernehmen beendet worden (Urk 30/1-2; Urk. 30/9; Urk. 30/14; Urk. 67 S. 1 ff.; Prot. II S. 8 ff.). Daraus ergibt sich grundsätzlich nichts für die Strafzu- messung Relevantes (vgl. aber nachfolgend E. 7.1).

    2. Der Beschuldigte weist keine Vorstrafen auf (Urk. 30/5; Urk. 30/8; Urk. 47) und verhielt sich im vorzeitigen Strafvollzug vorbildlich (Urk. 100/2). Das wirkt sich bei der Strafzumessung neutral aus (BGE 136 IV 1; BGer 6B_426/2010 E. 1.7).

    3. Er gab bereits bei der Verhaftung zu, der Gesuchte zu sein und stritt nie ab, dass er den Privatkläger geschlagen und getreten und ihm dadurch die in der An- klageschrift aufgeführten Kopfverletzungen zugefügt haben. Das kann allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass er im Detail - aus welchem Grund auch im-

mer - wenig zur Aufklärung der Tatumstände beitrug. In der Hafteinvernahme schilderte er zwar noch relativ ausführlich wie es gemäss seiner Wahrnehmung zur Tat gekommen war, was er dem Privatkläger angetan und wie und unter wel- chen Umständen er sich vom Tatort entfernt hatte. Die letztlich schlimmsten Ein- zelheiten seines Vorgehens, also das wiederholte Zurückkehren zum und erneute Eintreten auf das wehrlose Opfer, fehlen in seiner Darstellung jedoch vollkommen (vgl. Urk. 12/1). Diese konnten dem Beschuldigten nur aufgrund der Videoauf- zeichnung nachgewiesen werden. In der Einvernahme vom 18. März 2014 schil- derte er auf Vorhalt derselben sodann die Bedrohungslage und seine Angstzu- stände. Zu den Einzelheiten der Tat machte er jedoch keine über die Erkenntnis- se aus dem Videomaterial hinausgehende Angaben, weil er sich an die Tat nicht erinnere (vgl. Urk. 12/2). Auch hielt er im Ergebnis daran fest, dass der Privatklä- ger ihn tatsächlich bedroht habe (Urk. 12/2 S. 4, 8; Urk 12/5 S. 10; vgl. auch

Urk. 12/5 S. 10). In den Einvernahmen vom 6. und 8. Juni 2014 machte er keine Angaben (Urk. 12/3-4) und in der Schlusseinvernahme bestritt er zwar die gut- achterlichen Feststellung zu den Verletzungen des Privatklägers nicht, nahm die

u.a. darauf basierenden Vorwürfe an seine Adresse aber lediglich zur Kenntnis (Urk. 12/5 S. 2 ff.). Mehr Details zu seinem Verhalten lieferte er auch anlässlich der Hauptverhandlung nicht (Urk. 67 S. 4 ff.). Wie bereits eingangs festgehalten, trug der Beschuldigte damit zur Aufklärung der Tat wenig bei. Sodann zeigte er sich im Vorverfahren zwar schockiert über die Tat (Urk. 12/2 S. 5 ff. 9). Allerdings zeigte er auch Selbstmitleid (Urk. 12/2 S. 1 f.) und wies dem Privatkläger eine Mitschuld am Geschehen zu (Urk. 12/2 S. 4, 8; Urk 12/5 S. 10; vgl. auch Urk. 12/5

S. 10). Zur Übernahme einer zumindest grundsätzlichen Verantwortung konnte er sich - wie bereits erwogen - auch noch in der Schlusseinvernahme vom 8. Mai 2015 nicht durchringen (Urk. 12/5 S. 2 ff.), obwohl spätestens zu diesem Zeit- punkt einer selbstkritischeren Haltung und damit einer Differenzierung zwischen psychotischem Erleben und Realität nichts mehr im Weg stand. Vor diesem Hin- tergrund ist zusammenfassend festzuhalten, dass der Beschuldigte im Vorverfah- ren nicht mehr als gewisse Ansätze von Einsicht und Reue zeigte. Daran ändert auch nichts, dass der Beschuldigte sich am 23. Juli 2014 beim Privatkläger schriftlich entschuldigte (Urk. 25/12) und ihm eine Anzahlung von Fr. 20'000.- auf

Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche zukommen liess (Urk. 72/1-6). Wie die Vorinstanz richtig erkannte, ist darin in erster Linie Prozesstaktik im Zusam- menhang mit seinen Bemühungen, aus der Untersuchungshaft entlassen zu wer- den, zu erblicken. Dafür spricht nicht nur die zeitliche Nähe der Zahlung zu den entsprechenden Bemühungen, an denen auch die von der Verteidigung im zwei- ten Berufungsverfahren eingereichten, nur teilweise neuen Unterlagen

(Urk. 191/4-6) nichts ändern, und die Erwähnung des Umstandes in den entspre- chenden Eingaben (Urk. 28/82 S. 3; Urk. 28/134 S. 8), sondern auch das geschil- derte Verhalten des Beschuldigten im Vorverfahren. Erst aber immerhin anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung übernahm der Beschuldigte die (morali- sche) Verantwortung für das dem Privatkläger zugefügte sehr schwere Leid

(Urk. 67 S. 8; Prot. I S. 15) und distanzierte sich von einer Schuldzuweisung an das Opfer (Urk. 67 S. 11 f.). Ausserdem entschuldigte der Beschuldigte sich vor diesem Hintergrund stimmig beim Privatkläger (Prot. I S. 15) und erklärte auch im Berufungsverfahren, dass er das Geschehene zu tiefst bedaure und bereue (Prot. II S. 18). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschuldigte (aus welchem Grund auch immer) zur Aufklärung der Tat wenig beigetragen hat, so- weit ihn belastende Umstände zur Diskussion stehen, und er die (moralische) Verantwortung für sein Tun erst im erstinstanzlichen Hauptverfahren uneinge- schränkt übernommen und sich glaubwürdig beim Privatkläger entschuldigt hat. Die Entschuldigung und die Zahlung von Fr. 20'000.- in der zweiten Hälfte des Jahres 2014 erfolgte offensichtlich vor allem aus prozesstaktischen Gründen. Mit der Vorinstanz ist vor diesem Hintergrund das Vorliegen des Strafmilderungs- grundes der tätigen Reue im Sinne von Art. 48 lit. d StGB aufgrund der geleiste- ten Anzahlung mangels damals bestehender aufrichtiger Reue zu verneinen (vgl. BSK StGB-WIPRÄCHTIGER/KELLER, N. 30 zu Art. 48 StGB). Es ist aber durch eine leichte Strafminderung im - vom Bundesgericht ausdrücklich nicht beanstan- deten (Urk. 182 E. 2.5) - Umfang von um die 8 Monate auf 43 Monate Freiheits- strafe anzuerkennen, dass der Beschuldigte inzwischen offensichtlich einsieht, dass er objektiv die Verantwortung für den Vorfall vom 18. Februar 2014 und die

für den Privatkläger daraus resultierenden schwerwiegenden Folgen trägt und das Geschehene bedauert und bereut. Die Strafminderung unter dem Titel Nachtatverhalten fällt damit gemessen an der (gegenüber dem aufgehobenen Entscheid reduzierten) hypothetischen Einsatzstrafe für das versuchte Delikt verhältnismäs- sig etwas bedeutender aus als im ersten Urteil, was jedoch hinzunehmen ist. Die Zahlung des Genugtuungsdifferenzbetrags samt Zins nach Abweisung der Beschwerde im Schuld- und Zivilpunkt durch das Bundesgericht stellt eine Selbst- verständlichkeit dar (Urk. 191/3) und ist ohne Einfluss auf die Strafzumessung.

6. Das erste Berufungsverfahren stand nach Eingang der Stellungnahmen der Parteien zur ersten Expertise der Zweitgutachterin im Juli 2017 (Urk. 139;

Urk. 141) bis zum Erlass des Beschlusses vom 16. Februar 2018 (Anordnung der Verbesserung und Ergänzung des Zweitgutachtens; Urk. 145) und nach Eingang der abschliessenden Berufungsanträge der Parteien im Oktober und November 2018 (Urk. 158; Urk. 163) bis zur Urteilsfällung während rund 17 Monaten still (vgl. Prot. II S. 25 ff.). Die Gründe dafür sind teilweise in der Komplexität des Ver- fahrens, im Wesentlichen aber in der Geschäftslast des Gerichts zu suchen, die der Beschuldigte nicht zu vertreten hat. Die vom Beschuldigten nicht zu vertreten- de Verfahrensverzögerung im ersten Berufungsverfahren, ist bei der Strafzumes- sung mit einer zusätzlichen Strafminderung von um die vier Monaten auf 39 Mo- nate zu berücksichtigen. Im Beschwerdeverfahren waren wieder komplexe Fra- gen zu beantworten. Hingegen kam es im zweiten Berufungsverfahren nach Ab- schluss des Schriftenwechsels im März 2021 zu einer angesichts der geringen Komplexität des einzig noch zu behandelnden Strafpunkts zu einer weiteren vom Beschuldigten nicht zu vertretenden Verfahrensverzögerung. Ihr ist mit einer wei- teren Strafreduktion von zwei Monaten auf 37 Monate Freiheitsstrafe Rechnung zu tragen.

    1. Die unter Berücksichtigung der relevanten Umstände auszufällende Sankti- on kommt nur knapp über 36 Monate zu liegen, also nur knapp über dem Grenz- wert, der die Gewährung des teilbedingten Strafvollzugs noch ermöglicht. Zwar führen wesentlich auch tat- und täterunabhängige Faktoren (Verfahrensverzöge- rung) zu diesem Ergebnis. Angesichts des Umstandes, dass auch eine sorgfältig vorgenommene Strafzumessung kein mathematisch exaktes Resultat ergibt und die dokumentierte Entwicklung (Arbeitsstelle, Alkoholabstinenz) seit dem ersten

      Urteil der Kammer die Annahme erlaubt, dass der Beschuldigte sich sozial dauer- haft integriert hat, erlaubt der bei der Strafzumessung bestehende Ermessens- spielraum unter dem Titel Folgenberücksichtigung eine weitere leichte Reduktion der Freiheitsstrafe auf 36 Monate.

    2. Der Beschuldigte ist folglich mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren zu bestra- fen. An die Strafe ist die seit dem 18. Februar 2014 bis zur Entlassung aus dem vorzeitigen Strafvollzug am 12. Juli 2016 (Urk. 109) bereits erstandene Haft anzu- rechnen, mithin 876 Tage (Art. 51 StGB; vgl. Urk. 28).

8.1 Der Vollzug einer Freiheitsstrafe von drei Jahren kann unter Vorbehalt der hier nicht interessierenden Konstellation gemäss Art. 42 Abs. 2 aStGB teilweise aufgeschoben werden, wenn die Legalprognose nicht schlecht ausfällt. Der unbe- dingt vollziehbare Teil darf dabei die Hälfte der Strafe nicht übersteigen, muss aber mindestens sechs Monate betragen (Art. 43 aStGB; Art. 42 aStGB). Bei der Bemessung des vollziehbaren Teils ist dem Verschulden und der Legalprognose Rechnung zu tragen. Das Verhältnis der Strafteile ist so festzusetzen, dass darin die Wahrscheinlichkeit der Legalbewährung des Täters einerseits und dessen Einzeltatschuld andererseits hinreichend berücksichtigt sind. Je günstiger die Prognose und je kleiner die Vorwerfbarkeit der Tat, desto grösser muss der auf Bewährung ausgesetzte Strafteil sein. Der unbedingte Strafteil darf dabei das un- ter Verschuldensgesichtspunkten gebotene Mass nicht unterschreiten (BGE 134 IV 1 E. 5.6)

      1. Der Beschuldigte ist Ersttäter, hat im vorliegenden Verfahren 876 Tage in Haft verbracht und sich seit der Tat soweit bekannt nichts mehr zu Schulden kommen lassen und ist wieder in den Arbeitsalltag integriert. Vor diesem Hinter- grund ist ohne Weiteres von einer günstigen Prognose für sein künftiges Verhal- ten auszugehen und ihm der teilbedingte Strafvollzug bei einer minimalen Probe- zeit von zwei Jahren zu gewähren.

      2. Die zweifelsohne sehr günstige Legalprognose ist nach dem Erwogenen bei der Festsetzung der Strafteile nicht das einzig oder ausschlaggebende Kriterium. Vielmehr sind Verschuldensgesichtspunkte dafür wesentlich. Dem Beschuldigten

ist unter objektiven und subjektiven Gesichtspunkten ein insgesamt sehr leichtes bis leichtes Tatverschulden zu attestieren. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass dieses sich auf ein vorsätzliches Tötungsdelikt bezieht, und es wesentlich tat- und täterunabhängige Faktoren sind, die überhaupt zu einer Sanktion führen, die ei- nen teilbedingten Vollzug ermöglicht. Angesichts der bundesgerichtlichen Recht- sprechung, gemäss welcher der unbedingte Strafteil das unter Verschuldensge- sichtspunkten gebotene Mass nicht unterschreiten darf, ist der vollziehbare Teil der Freiheitsstrafe bei dieser Ausgangslage trotz der sehr günstigen Legalprog- nose auf das Maximum von 18 Monaten festzusetzen. Im Übrigen (18 Monate) ist der Vollzug der Freiheitsstrafe aufzuschieben und die Probezeit auf 2 Jahre fest- zusetzen. Der Beschuldigte hat den vollziehbaren Teil der Strafe bereits erstan- den.

VI.

1. Die Modalitäten der Geltendmachung von Zivilansprüchen im Strafverfahren und die in zivilrechtlicher Hinsicht relevanten Grundsätze für die Zusprechung von Schadenersatz und Genugtuung hat die Vorinstanz zutreffend dargelegt. Es kann auf die entsprechenden Ausführungen verwiesen werden (Urk. 83 E. IV.1.1 bis 2.3.2).

    1. Unstrittig ist, dass der Beschuldigte dem Privatkläger die in der Anklage- schrift aufgeführten Verletzungen, also a) schwere mehrfache Brüche des Ge- sichtsschädels, b) überwiegend kleinfleckige Hauteinblutungen und Oberhautde- fekte an den Lidhäuten, Wangen, über dem linken Schulterblatt und dem linken Aussenknöchel, c) kräftige Schwellungen der Lippen, fleckenförmige Einblutun- gen des Lippenrotes der Oberlippe, Schleimhautdefekte an den Lippeninnensei- ten sowie d) eine Gehirnerschütterung mit Bewusstlosigkeit einer GCS 5 und eine schwere Funktionsstörung des Gehirns zufügte. Unbestritten ist auch, dass der Privatkläger aufgrund dieser Verletzungen im Universitätsspital Zürich hospitali- siert werden und dort am 18. Februar 2014, 21. Februar 2014 und 25. Februar 2014 drei Operationen über sich ergehen lassen musste, in deren Rahmen seine mehrfachen schwere Gesichtsbrüche behandelt wurden (Urk. 20/6 S. 1). Der Beschuldigte stellt weiter nicht in Frage, dass der Privatkläger im Verlauf der Be- handlung im Universitätsspital Zürich ein akutes Lungenversagen (ARDS), eine beidseitige Lungenthrombembolie und eine antibiotikainduzierte Darmentzündung erlitt, die auf seine Tat zurückzuführen sind. Unbestritten ist weiter, dass beim Beschuldigten am 28. Februar 2014 notfallmässig ein Luftröhrenschnitt (Tracheoto- mie) durchgeführt werden musste und dass er am 25. Februar 2014 eine weitere Komplikation erlitt, die im Austrittsbericht der Klinik für Mund-, Kiefer und Gesicht- schirurgie des Universitätsspitals Zürich vom 24. März 2014 mit der Diagnose Schweres Delir aufgeführt ist (Urk. 20/12 S. 1).

      Während der Privatkläger auch den Luftröhrenschnitt und das schwere Delir auf die Tat des Beschuldigten zurückführt, stellt der Beschuldigte diesen Zusammen- hang in Frage. Der Privatkläger habe sich auf dem Weg der Besserung befunden, als es am 25. Februar 2014 zu einem schweren Delir gekommen sei. Notfall- mässig habe eine chirurgische Tracheotomie durchgeführt werden müssen. Bei einem Delir handle es sich um ein spontan auftretendes Ereignis, welches meist mit Verwirrungszuständen und Agitation einhergehe. Von Bedeutung sei nun, dass diese plötzliche, schwerwiegende Verschlechterung des vorgängig stabilen Gesundheitszustandes des Privatklägers von ärztlicher Seite differentialdiagnos- tisch wie folgt erfasst worden sei: Toxische-metabolische Encephalopathie, Sub- stanzentzug, Hyperammoniämie. Der Begriff des Substanzentzuges komme in ei- nem ärztlichen Bericht nur vor, wenn die Ärzte von einer erheblichen Relevanz ausgingen. Von welchem Substanzentzug im genannten ärztlichen Bericht die Rede sei, sei offen. Klar sei aufgrund dieses Berichts jedenfalls, dass das Delir am 25. Februar 2014 nicht zwingend mit dem Vorfall vom 18. Februar 2014 zu- sammenhängen müsse, sondern, soweit es den Substanzentzug betreffe, auf nachweislich fremde Ursachen zurückzuführen sei. Der Privatkläger müsse sich diesbezüglich den Vorwurf gefallen lassen, dass er im Rahmen der Untersuchung nicht alle Fakten offen gelegt habe. In der Befragung vom 8. Mai 2014 habe er le- diglich angegeben, ab und zu an einem Joint partizipiert zu haben und bislang erst zwei Mal erheblich alkoholisiert gewesen zu sein, einmal davon am 18. Feb- ruar 2014. An dieser Darstellung seien angesichts des ärztlichen Befundes mit Hinweis auf Substanzentzug erhebliche Zweifel erlaubt, um so mehr, als aus seinem Handy eine Foto gefunden worden sei, die einen Plastikbehälter mit Mari- huanaportionen zeige. Zudem fänden sich bei der Auswertung der Whats-App Kommunikation Hinweise, dass beim Privatkläger eine Tendenz zu Alkohol- Überkonsum vorliegen könnte. Vor diesem Hintergrund sei zu unterscheiden, welche Verletzungsfolgen auf den 18. Februar 2014 zurückzuführen seien und welche nicht (Urk. 71 S. 30 f.). Im Rahmen der Begründung seiner Beweisanträge im Berufungsverfahren liess der Beschuldigte sodann ausführen, dass aus den bei den Akten befindlichen medizinischen Unterlagen konkrete Hinweise dafür er- geben würden, dass erhebliche gesundheitliche Probleme bzw. gewisse Beein- trächtigungen der körperlichen Integrität während des Heilungsverlaufs und die lange Genesungszeit des Privatklägers auf Umstände zurückzuführen seien, die nicht adäquat kausal zum Schadenereignis seien (Urk. 91 S. 14). Dem seitens der Geschädigtenvertretung ins Recht gelegten Kurzbericht der Klinik vom 11. April 2014 könne entnommen werden, dass der Privatkläger am 25. Februar 2014 in ein schweres Delir gefallen sei. Differenzial- diagnostisch sei eine toxisch- metabolische Encephalopathie, Substanzentzug, Hyperammoniämie festgestellt worden. Dieser Befund finde sich auch im Austrittsbericht des Universitätsspitals Zürich vom 24. März 2014. Auffallend sei, dass in der in diesem Attest nachfol- gend vermerkten Verlaufsgeschichte an diesem 25. Februar 2014 eine Umintuba- tion von nasal auf oral und eine Richtung der dislozierten Nasenbeinfraktur be- schrieben werde, das Vorliegen eines schweren Delirs an diesem Tag jedoch kei- ne Erwähnung finde. Ein schweres Delir stelle eine erhebliche Beeinträchtigung der Gesundheit dar und gehe mit einer schweren Agitation des Patienten einher. Gemäss differenzial-diagnostischen Abklärungen des Universitätsspitals Zürich werde als Ursache das Vorliegen einer toxisch-metabolischen Encephalopathie, Substanzentzug und das Vorliegen einer Hyperammoniämie genannt. Letztere Beeinträchtigung könne mit Sicherheit nicht als traumabedingte Komplikation be- zeichnet werden. Diesbezüglich könne lediglich gesagt werden, dass durch nicht bekannte Umstände eine Anreicherung von Stickstoff im Blut des Privatklägers stattgefunden haben müsse, was als potentiell lebensgefährlich einzustufen sei und unter intensivmedizinischer Behandlung ausgeschlossen sein sollte. Bei dem ebenfalls als auslösendes Moment bezeichneten Substanzentzug könne es sich,

      da initial die toxikologischen Abklärungen keinen Hinweis auf einen Opiatmiss- brauch ergeben habe, nur um die Folgen eines Alkoholentzuges handeln. Bei der ebenfalls erwähnten toxisch-metabolischen Encephalopathie handle es sich um eine Erkrankung des Grosshirns und ein adäquat kausaler Zusammenhang zu dem durch den Privatkläger erlittenen Trauma könne nicht ohne Weiteres bejaht werden (Urk. 91 S. 15 f.).

      Der Standpunkt des Beschuldigten überzeugt nicht. Am 19. Februar 2014 kam es im Rahmen der Einlage eines Zentralen Venenkatheters zu einem Kollaps der Lunge (Pneumothorax) des Privatklägers (Urk. 20/12). Am 21. Februar 2014 konnte gemäss Austrittsbericht der Klinik für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie des Universitätsspitals Zürich vom 24. März 2014 (Urk. 20/12) eine Umintubation von nasal auf oral zur Reposition der Nasenbeinfraktur bei schwierigen Atem- wegsverhältnissen nicht in der Operation vom 21. Februar 2014 erfolgen, und es wurde eine abschwellende Therapie mit NSAR (nicht steroidales Antirheumati- kum) und Steroiden eingeleitet. Im Verlauf entwickelte der Privatkläger eine respi- ratorische Partialinsuffizienz, und es entwickelte sich ein ARDS (akutes Lungen- versagen), welches gemäss Einschätzung im fraglichen Bericht am ehesten pri- mär im Rahmen von initialen Aspirationen interpretiert wurde. Weiter wurde eine bilaterale segmentale Lungenembolie festgestellt, welche mit Heparin behandelt wurde. Am 25. Februar 2014 erfolgte schliesslich die Umintubation von nasal auf oral mit anschliessender Reposition der Nasenbeinfraktur. Die Beatmungsent- wöhnung (Weaning) vom Respirator gestaltete sich schwierig, so dass bei nach wie vor bestehender Oxygenierungsstörung am 28. Februar 2014 notfallmässig ein Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) zur Sicherung des Atemweges erfolgte (vgl. auch Urk. 20/6 S. 1; Urk. 20/11). Nach durchgeführter Tracheotomie konnte die Beatmungsentwöhnung problemlos erfolgen. Am 12. März 2014 konnte der Pri- vatkläger von der interdisziplinären Überwachungsstation auf die kieferchirurgi- sche Bettenstation verlegt werden, ohne dass der Behandlungsverlauf zu weite- ren Bemerkungen Anlass gab (Urk. 20/12 S. 2). Mit anderen Worten hatte der Pri- vatkläger ab dem 19. Februar 2014 Probleme mit der Lunge und der Atmung, wo- bei die Sicherung des Atemweges mit einem Luftröhrenschnitt am 28. Februar 2014 erfolgte. Erst dann konnte der Privatkläger geweant und nach weiterem unauffälligem Verlauf der Behandlung verlegt werden. Dass der Privatkläger sich am

      25. Februar 2014 in einem stabilen Gesundheitszustand befand, der durch das Auftreten des schweren Delirs an diesem Tag zu einer plötzlichen, schwerwie- genden Verschlechterung des Gesundheitszustandes und schliesslich zur not- fallmässig durchgeführten chirurgischen Tracheotomie führte, trifft mithin nicht zu. Die Tracheotomie wurde aufgrund von vorbestehenden Atmungsproblemen nötig. Dass diese auf die ihm vom Beschuldigten zugefügten schweren Kopfverletzun- gen und die dadurch bedingten Therapiemassnahmen zurückzuführen sind, stellt der Beschuldigte nicht in Frage. Auch der Eingriff vom 28. Februar 2014 ist mithin eine Folge des strafrechtlich relevanten Verhaltens des Beschuldigten vom

      18. Februar 2014. Im Übrigen beruht die Argumentation des Beschuldigten auf ei- ner im Austrittsbericht der Klinik für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie des Uni- versitätsspitals Zürich vom 24. März 2014 aufgeführten Differentialdiagnose (vgl. Urk. 20/12 S. 1). Eine solche umschreibt Erkrankungen mit einem ähnlichen oder gleichen Erscheinungsbild, die bei der Diagnosestellung in Betracht gezogen wurde. Die differential-diagnostisch aufgeführten Krankheitsbilder toxisch- metabolische Encephalopathie, Substanzentzug, Hyperammoniämie stellen mit anderen Worten alternative Erklärungen für die am 25. Februar 2014 beim Privat- kläger festgestellten Beschwerden und Krankheitszeichen dar, die im Rahmen der Diagnostik von den behandelnden Ärzten gegen das Krankheitsbild schweres Delir abgegrenzt und letztlich verworfen wurden; die Diagnose lautet gemäss dem erwähnten Bericht schweres Delir. Spekulationen über Ursachen der von den behandelnden Ärzten verworfenen Krankheitsbilder erübrigen sich. Vielmehr ist unter Hinweis auf das Gutachten des Institutes für Rechtsmedizin vom 8. Juli 2014 ohne weiteres davon auszugehen, dass das von den behandelnden Ärzten diagnostizierte schwere Delir eine typische Folge der zugrundeliegenden Erkran- kung bzw. der hierdurch notwendigen Therapiemassnahmen darstellt, die auch unter optimalen Bedingungen nicht sicher zu verhindern und für den Privatkläger mit einer akuten Gefährdung des Lebens einherging (Urk. 19/6 S. 7). Es besteht kein Anlass, an dieser Schlussfolgerung zu zweifeln. Konkrete Hinweise dafür, dass die im Laufe der Behandlung des Privatklägers im Universitätsspital aufge- tretenen zusätzlichen Krankheitsbilder etwas anderes als Komplikationen sind, die

      auf die ursprünglichen Verletzungen bzw. die zur Behandlung derselben notwen- digen Eingriffe zurückzuführen sind, fehlen. Folglich fehlen auch konkrete Hinwei- se auf relevante körperliche Prädispositionen des Privatklägers. Daran ändert auch nichts, dass das schwere Delir im Austrittsbericht der Klinik für Mund-, Kie- fer und Gesichtschirurgie des Universitätsspitals Zürich vom 24. März 2014 - wie im Übrigen auch die Clostridienkolitis - im Verlaufsbericht nicht erwähnt wird

      (Urk. 20/12 S. 1 f.). Beweisergänzungen erübrigen sich.

      Zusammengefasst fügte der Beschuldigte dem Privatkläger lebensgefährliche Verletzungen in Form von schweren Schädelverletzungen, einer Gehirnerschütte- rung mit Bewusstlosigkeit und einer schwere Funktionsstörung des Gehirns zu. Aufgrund dieser Verletzungen war der Privatkläger vom 18. Februar 2014 bis zum

      24. März 2014 im Universitätsspital Zürich hospitalisiert. Während dieser Zeit er- folgten vier chirurgische Eingriffe und es kam zu Komplikationen, welche zum überwiegenden Teil ebenfalls lebensgefährlich waren (akutes Lungenversagen (ARDS), beidseitige Lungenthrombembolie, schweres Delir) und wie die vier chi- rurgischen Eingriffe auf das strafrechtlich relevante Verhalten des Beschuldigten zurückzuführen sind.

    2. An die Hospitalisierung im Universitätsspital Zürich schloss eine rund dreiwö- chige Rehabilitation in der Klinik an (vgl. Urk. 20/14). Dort musste sich der Pri- vatkläger einer Physiotherapie und psychologisch stabilisierenden Gesprächen unterziehen (Urk. 69 S. 9; Urk. 20/14 S. 2). Mit dem Rehabilitationsaufenthalt liess sich das Ziel der Entlassung nach Hause erreichen. Im Alltag benötigte der Pri- vatkläger keine Hilfe mehr. Hingegen wurde eine weiterführende ambulante psy- chotherapeutische Behandlung empfohlen und wohnortsnah organisiert

      (Urk. 20/14 S. 2; Urk. 20/15). Fünf Tage nach der Entlassung aus der Klinik stellte sich der Privatkläger notfallmässig im Universitätsspital Zürich vor, nach- dem er Atemnot und stechende Thoraxschmerzen verspürt hatte. Organische Be- funde für die Beschwerden wurden keine gefunden. Am ehesten liege eine Hy- perventilation bei Angstzustand vor. Der Privatkläger habe angegeben, er habe Angst gehabt, dass das Tracheostoma-Loch zuwachse und er dann keine Luft mehr bekomme. Er sei darüber aufgeklärt worden, dass ein Zuwachsen des

      Lochs indiziert sei und er genügend Sauerstoff über die Nase und den Mund er- halte. Der Privatkläger wurde in gutem Allgemeinzustand nach Hause entlassen (Urk. 20/13). Anlässlich der Einvernahme vom 8. Mai 2014 hatte der Privatkläger als Folge des Luftröhrenschnitts noch Mühe beim Sprechen, konnte den Kiefer nicht ganz öffnen und die Zunge nicht auf beide Seiten schieben (Urk. 13/1 S. 1, 8 f.). Weiter berichtete er, er müsse in die Logopädie, zum Psychiater, in die medi- zinische Fitness, zur Physiotherapie und in die Kieferchirurgie (Urk. 13/1 S. 9). Am 1. Dezember 2014 erlitt der Privatkläger einen Lungenkollaps am linken Lun- genflügel, der eine weitere Operation und einen sechstägigen Klinikaufenthalt nö- tig machte (Urk. 20/26-/28). Mitte Januar 2015, am 18. März 2015 und am 24. Ju- ni 2015 wurde der Privatkläger notfallmässig erneut abgeklärt, weil er wieder un- ter starken Brustschmerzen litt, die sich aber als harmlos herausstellten (Urk. 20/31; Urk. 70/3). Als mögliche Erklärung für die rezidivierenden Schmerzen wur- den kleine Blasen, die sich von der Thoraxwand ablösen, gesehen (Urk. 70/3). Am 11. August 2015 musste sich der Privatkläger einer weiteren Nasen- und Un- terkieferoperation unterziehen (Urk. 69 S. 10; Urk. 70/5), welche am nächsten Tag zu Schmerzen beim Atmen führte (Urk. 70/4). Vier weitere Operationen folgten im Juni 2016 (Urk. 103/1/1; vgl. auch Urk. 103/). Am 23. Juni 2016 bestätigte Dr.

      1. , dass beim Privatkläger die Mundhygiene und die Ernährung durch die okklusale Situation noch stark beeinträchtigt sei. Bis die Okklusion wiederherge- stellt und eine vollständige Heilung erfolgt sei, müsse mit einer Zeit von bis zu zwei Jahren gerechnet werden (Urk. 103/1A).

    3. Die von der Klinik empfohlene und organisierte ambulante psychotherapeu- tische Behandlung (Urk. 20/14 S. 2), erfolgte ab dem 22. April 2014 in wöchentli- chen oder alle zwei Wochen stattfindenden Konsultationen bei D. . Gemäss dessen Verlaufsbericht vom 7. Oktober 2015 wird der Privatkläger auf mehrere Jahre hinaus eine regelmässige psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung benötigen. Ebenfalls benötige er Medikamente zur Behandlung und Linderung seines Zustandes. Der Privatkläger fühle sich durch die körperlichen Folgen der Tat (erfolgte und künftig nötige Operationen, Entstellung des Gesichts, Schmer- zen, erhöhtes Risiko für Thrombosen und Pneumothorax und damit einhergehen- de Einschränkung der Unabhängigkeit) massiv eingeschränkt und klage darüber,

      dass er seine Jugend und Gesundheit verloren habe. Er sei voller Ängste vor er- neuten Angriffen. Generell und andauernd, trotz engmaschiger Therapie sei je- doch, die beträchtliche Beschäftigung mit den Verletzungen, den Einschränkun- gen, den Konsequenzen für die Zukunft, so dass von kreisenden Gedankengän- gen während mehrerer Stunden täglich gesprochen werden müsse. Die Konzent- ration sei massiv erniedrigt, ebenso das kurzfristige Gedächtnis. Es bestünden si- tuativ Panikattacken unterschiedlicher Ausprägung, Ängste und Panik zeigten sich sowohl psychisch als auch als körperliche Symptomatik (Angst zu Sterben resp. umgebracht zu werden; resp. Beklemmungsgefühl, Kloss- und Erstri- ckungsgefühl im Hals, Herzklopfen, Atemnot, Schwitzen, Zittern etc.). Es bestehe eine Herabstimmung mittelgradig, eine deutliche Freud- und Interessenlosigkeit, Stimmungsschwankungen (Ärger, Wut, Verzweiflung, Ohnmacht), deutliche Insuf- fizienzgedanken, Zukunftsängste grossen Ausmasses. Es sei nicht absehbar, wie und wann der Privatkläger seine Arbeitsfähigkeit wieder erlangen werde. Es sei absehbar, dass - wenn eine Kündigung durch den Arbeitgeber erfolge - der Pati- ent danach ein Fall für die Invalidenversicherung werde. Wie weit er überhaupt in- tegrierbar sei, resp. IV-rentenbedürftig, müsse dannzumal die Invalidenversiche- rung entscheiden. Leider müsse ärztlicherseits eines zurückhaltende Prognose gestellt werden (Urk. 70/6). Am 11. Juli 2016 berichtete D. , dass der psy- chiatrische Zustand des Privatklägers weitgehend unverändert sei und er weiter- hin eine engmaschige ambulante psychotherapeutische Behandlung benötige (Urk. 103/2).

    4. Zusammengefasst fügte der Beschuldigte dem Privatkläger lebensgefährli- che Verletzungen am Kopf zu, welche zu einem fünfwöchigen Spitalaufenthalt führte, in dessen Verlauf der Privatkläger vier Mal operiert wurde und lebensge- fährliche Komplikationen erlitt. Danach musste sich der Privatkläger einer rund dreiwöchigen stationären Rehabilitation unterziehen, gefolgt von ambulanten The- rapien und einer langwierigen psychiatrischen Behandlung. Ab dem 11. August 2015 folgten weitere Operationen an Nase und Unterkiefer. Ausserdem hatte er wiederholt Schwierigkeiten mit den Lungen und erlitt am 1. Dezember 2014 einen Lungenkollaps am linken Lungenflügel, der eine weitere Operation und einen sechstägigen Klinikaufenthalt nötig machte. Die neusten Informationen über sei-

nen Gesundheitszustand sind für den Ausgang des Verfahrens nicht wesentlich, weil den Anträgen des Privatklägers bezüglich Schadenersatz und Genugtuung auch unabhängig davon zu folgen ist. Es ist jedoch der Vollständigkeit halber zu vermerken, dass sie wenig Hoffnung auf eine vollständige Genesung machen (vgl. Urk. 158/1 f.).

3. Zum Schadenersatzbegehren hat die Vorinstanz das Nötige ausgeführt (Urk. 83 S. 69). Folglich ist in Bestätigung des erstinstanzlichen Entscheides fest- zustellen, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger aus dem eingeklag- ten Ereignis dem Grundsatz nach vollumfänglich schadenersatzpflichtig ist. Zur genaueren Feststellung des Umfangs des Schadenersatzanspruchs ist der Pri- vatkläger auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.

4.1 Die Vorinstanz sprach dem Privatkläger eine Genugtuung in der Höhe von Fr. 25'000.- zuzüglich Zins zu 5% ab 18. Februar 2014 zu und nahm davon Vor- merk, dass der Beschuldigte bereits Fr. 20'000.- bezahlt habe. Im Berufungsver- fahren beantragt der Privatkläger eine Erhöhung der Genugtuung auf

Fr. 40'000.-. Der Beschuldigte beantragt die Bestätigung des vorinstanzlichen Entscheides.

      1. Gemäss Art. 47 OR kann das Gericht bei Körperverletzung der verletzten Person unter Würdigung der besonderen Umstände eine angemessene Geld- summe als Genugtuung zusprechen. Die Bemessung der Genugtuung richtet sich vor allem nach der Art und Schwere der Verletzung, der Intensität und Dauer der Auswirkungen auf die Persönlichkeit sowie dem Grad des Verschuldens des Schädigers (BGer 6B_289/2008 E. 10.3). Letzteres ist allerdings nur dann von Bedeutung, wenn der Geschädigte ebenfalls Umstände im Sinne von Art. 44 OR, namentlich ein Mitverschulden, zu vertreten hat, was vorliegend nicht der Fall ist. Ansonsten hängt die Frage, ob und in welcher Höhe Genugtuung zuzusprechen ist, entscheidend von der vom Geschädigten erlittenen und empfundenen materi- ellen Unbill ab (BK-BREHM, Art. 47 OR, N. 33 ff.). Wenn ein Haftpflichtiger eine Genugtuungssumme schuldet, dann nicht, weil ihn ein Verschulden trifft, sondern weil er für die erlittenen Leiden haftpflichtig ist (BK-BREHM, Art. 47 OR, N. 37). Ausserhalb des vorliegend nicht gegebenen Notlagefalls von Art. 44 Abs. 2 OR ist

        bei der Bemessung der Genugtuung sodann keine Rücksicht auf die finanzielle Lage des Haftpflichtigen zu nehmen. Die Genugtuung ist keine Strafe für den Schädiger. Es kommt somit nicht darauf an, wie schmerzlich der Haftpflichtige diese Leistungspflicht empfindet. Die Genugtuung ist ein Ausgleich für die vom Geschädigten erlittene Unbill. Deshalb ist allein entscheidend, ob aus der Sicht des Opfers eine Genugtuungssumme angebracht ist und wie hoch sie sein soll, um den notwendigen Ausgleich zu bewirken (BK-BREHM, Art. 47 OR, N. 86a mit Hinweis).

      2. Für die Festsetzung der Genugtuungssumme kann zwar kein Tarif aufge- stellt werden und es darf ein solcher auch nicht angewendet werden. Deshalb steht dem Sachrichter bei der Bemessung der Genugtuung ein weiter Ermessen- spielraum zu. Es ist auf die Umstände abzustellen, die von Fall zu Fall verschie- den sind. Tatbestände, die Genugtuungsansprüche begründen, sind einer Verall- gemeinerung nicht zugänglich (BK-BREHM, Art. 47 OR, N. 62 mit Hinweisen). Andere Fälle und Richtwerte können aber Anhaltspunkte für die Bemessung der Genugtuung im konkreten Fall bieten. In diesem Sinn ist festzuhalten, dass in der Lehre dafür eingetreten wird, dass Opfer eines Mordversuchs, welche folgenlos verheilende, aber lebensgefährliche Verletzungen erleiden, für ihren damit ver- bundenen Gefühlsschaden Genugtuungssummen von mindestens Fr. 60'000.- zugesprochen erhalten, während bei versuchten Körperverletzungen oder ver- suchter Tötung ohne lebensgefährliche Verletzungen oder bleibende körperliche Beeinträchtigungen Regelgenugtuungen in der Höhe von Fr. 20'000.- bis

Fr. 40'000.- vorgeschlagen werden. Die in der Praxis gestützt auf Art. 12 Abs. 2 OHG in solche Konstellationen ausgesprochenen Genugtuungssummen bewegen sich dagegen im vier bzw. tiefen fünfstelligen Frankenbereich (vgl. BGer 6B_289/2008 E. 10.4 mit Hinweisen), wobei diese gemäss Rechtsprechung als staatliche Hilfeleistung nicht automatisch die gleiche Höhe wie die zivilrechtliche Genugtuung erreicht (BGE 132 II 117).

    1. Der heute erst knapp 25jährige Privatkläger erlitt lebensgefährliche Verlet- zungen, wobei die Lebensgefahr auch unter medizinischer Betreuung aufgrund eingetretener Komplikationen noch während rund 10 Tagen (akutes Lungenversagen [ARDS] am 27. Februar 2014) andauerte (vgl. Urk. 20/12 S. 1 und

      Urk. 19/6 S. 7). Während des Spitalaufenthaltes wurde er vier Mal operiert. Auf den Spitalaufenthalt folgten ein rund dreiwöchiger stationärer Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik und später diverse ambulante Behandlungen. Ab 11. August 2015 machten die Folgen der Tat weitere fünf Operation nötig. Die körperlichen und psychischen Folgen der Tat waren für den Privatkläger noch im Zeitpunkt der knapp 2 ½ Jahre nach der Tat stattfindenden Berufungsverhandlung gravierend und verunmöglichten ihm eine Erwerbstätigkeit. Wenn der Privatkläger vor diesem Hintergrund heute eine Genugtuung in der Höhe verlangt, die in der Lehre als Regelgenugtuung bei versuchten Körperverletzungen oder versuchter Tötung oh- ne lebensgefährliche Verletzungen oder bleibende körperliche Beeinträchtigungen vorgeschlagen werden, erscheint das den deutlich gravierenderen Folgen der Tat und der damit verbundenen immateriellen Unbill angemessen. Das gilt um so mehr, als Opfern versuchter vorsätzlicher Tötungsdelikte in den vergangenen Jahren regelmässig Genugtuungen von mindestens Fr. 40'000.- zugesprochen wurden, namentlich wenn sie in akuter Lebensgefahr geschwebt und sich nicht kurzfristig von den Folgen der Tat erholt hatten oder bleibende Schäden davon- trugen. Bei bleibenden schweren Beeinträchtigungen wie Para- und Tetraplegie oder Invalidität aufgrund von Hirnverletzungen etc. erreichten die Genugtuungen Summen von über Fr. 100'000.- (vgl. Hütte/Landolt, Genugtuungsrecht, Band 2, Tabellen I und II: Verletztengenugtuungen Nr. 22, 53, 100, 113, 130, 131, 136,

      144, 179, 219, 259, 280, 342, 391, 519, 540, 556, 587).

    2. Zusammengefasst ist der Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger ei- ne Genugtuung in der Höhe von Fr. 40'000.- zuzüglich Zins zu 5% seit 18. Feb- ruar 2014 zu bezahlen, wobei davon Vormerk zu nehmen ist, dass der Beschul- digte bereits Fr. 20'000.- bezahlt hat.

VII.

1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschuldigte die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Gerichtsverfahrens, mit Ausnahme der- jenigen der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, zu tragen (Art. 426 Abs. 1 StPO). Im Rechtsmittelverfahren ob- siegt er mit seinem Antrag auf eine tiefere Strafe teilweise. Ausserdem ist hin- sichtlich der Kosten der amtlichen Verteidigung eine Korrektur an der erstinstanz- lichen Kostenauflage vorzunehmen (vgl. nachfolgende E. VII. 2). Im Übrigen un- terliegt er (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Kosten des ersten Berufungsverfahrens, mit Ausnahme derjenigen der unentgeltlichen Verbeiständung des Privatklägers (vgl. nachfolgende E. VII. 2), sind ihm folglich zu drei Vierteln aufzuerlegen und zu ei- nem Viertel auf die Gerichtskasse zu nehmen. Im Umfang seines Obsiegens ist ihm sodann eine reduzierte Prozessentschädigung für seine erbetene Verteidi- gung im ersten Berufungsverfahren von Fr. 7'800.- (vgl. zum Aufwand Urk. 106 und Urk. 162, zuzüglich Dauer der Berufungsverhandlung) zuzusprechen. Die Kosten des zweiten Berufungsverfahrens, das durch Unzulänglichkeiten in der Strafzumessung nötig wurde, sind auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Ge- richtsgebühr fällt dementsprechend ausser Ansatz. Dem Beschuldigten ist für sei- ne erbetene Verteidigung im zweiten Berufungsverfahren eine Prozessentschädi- gung von Fr. 5'268.70 (Urk. 197) zuzusprechen.

    1. Von der Kostentragungspflicht des verurteilten bzw. im Rechtsmittelverfah- ren unterliegenden Beschuldigten ausgenommen sind grundsätzlich die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Verbeiständung der Privatklä- gerschaft. Für beide hat er nur bzw. erst dann aufzukommen, wenn er sich in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen befindet (BSK StPO-DOMEISEN,

      Art. 426 StPO, N. 14).

    2. Die Vorinstanz ging aufgrund des Umstandes, dass der Beschuldigte dem Privatkläger bereits Fr. 20'000.- hatte zukommen lassen, mehrere Privatgutach- ten in Auftrag geben und zusätzlich zum amtlichen Verteidiger einen erbetenen Verteidiger beiziehen konnte, davon aus, dass der Beschuldigte über erkleckliche finanzielle Ressourcen verfüge, die es ihm erlaubten, die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Rechtsvertretung zu übernehmen (Urk. 83

      1. 74 f.). In der Tat ist es offensichtlich, dass der Beschuldigte Zugang zu be- trächtlichen finanziellen Mitteln hat. Allerdings bestehen keine Anhaltspunkte da- für, dass er selber zahlungsfähig wäre oder gegenüber Dritten einen rechtlichen

      Anspruch auf Gewährung von Darlehen oder auf Unterstützungsleistungen in ent- sprechender Höhe hätte. Insbesondere gewährt § 1610 Abs. 2 BGB einem voll- jährigen Kind nur bis zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss Anspruch auf Unterhalt und dies lediglich in sehr begrenztem Umfang (vgl. z.B. www.scheidung.org unterhalt-ab-18).

    3. Da der Beschuldigte selber nicht in wirtschaftlich günstigen Verhältnissen im Sinne von Art. 135 Abs. 4 bzw. Art. 426 Abs. 4 StPO lebt, ist folglich vom Grund- satz auszugehen, wonach seine Kostentragungspflicht die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Verbeiständung des Privatklägers (einstwei- len) nicht umfasst. Die entsprechenden Kosten sind auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Rückzahlungspflicht ist vorzubehalten.

  1. Rechtsanwalt lic. iur. Y. ist für seine Bemühungen als unentgeltlicher Rechtsvertreter des Privatklägers im zweitinstanzlichen Verfahren (erstes Beru- fungsverfahren) seinem Antrag folgend mit Fr. 11'118.25 zu entschädigen

  2. Der Beschuldigte hat den vollziehbaren Teil der heute ausgefällten Frei- heitsstrafe bereits verbüsst. Die von ihm geleistete Fluchtkaution in der Höhe von Fr. 30'000.- ist nach endgültiger Erledigung des Verfahrens daher freizugeben.

Es wird beschlossen:

  1. Es wird festgestellt, dass das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich vom 11. No- vember 2015 bezüglich der Dispositivziffern 6 und 7 (Verwendung be- schlagnahmter Kleidungsstücke) sowie 10 und 11 (Honorar amtlicher Ver- teidiger und unentgeltlicher Rechtsbeistand) in Rechtskraft erwachsen ist.

  2. Schriftliche Mitteilung mit nachfolgendem Urteil.

Es wird erkannt:

  1. Der Beschuldigte A.

    ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung

    im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.

  2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 3 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 876 Tage durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft sowie vorzeitigen Strafvollzug bis und mit 12. Juli 2016 erstanden sind.

  3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird im Umfang von 18 Monaten aufgescho- ben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. Im Übrigen (18 Monate) wird die Freiheitsstrafe vollzogen.

  4. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatz nach vollumfänglich schadener- satzpflichtig ist. Zur genaueren Feststellung des Schadenersatzanspruches wird der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.

  5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Fr. 40'000.- zuzüglich 5 % Zins seit 18. Februar 2014 als Genugtuung zu bezahlen. Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte bereits Fr. 20'000.- bezahlt hat.

  6. Die vom Beschuldigten geleistete und bei der Kasse des Obergerichts Zü- rich lagernde Sicherheit in der Höhe von Fr. 30'000.- wird nach endgültiger Erledigung des Verfahrens freigegeben.

  7. Die erstinstanzliche Kostenfestsetzung (Ziff. 8) wird bestätigt.

  8. Die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen gerichtlichen Ver- fahrens, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung und der un- entgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft werden auf die Gerichtskasse genommen. Die Rückzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt vorbehalten.

  9. Die Gerichtsgebühr für das erste Berufungsverfahren wird festgesetzt auf:

    Fr. 6'000.- ; die weiteren Kosten betragen:

    Fr. 11'118.25 unentgeltliche Vertretung Privatklägerschaft Fr. 18'048.59 Gutachten Dr. med. C.

    Fr. 3'366.- Stellungnahme Dr. med. D.

  10. Die Kosten des ersten Berufungsverfahrens, mit Ausnahme derjenigen der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, werden dem Beschuldig- ten zu drei Vierteln auferlegt und zu einem Viertel auf die Gerichtskasse ge- nommen. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft werden auf die Gerichtskasse genommen. Die Rückzahlungspflicht des Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt im Umfang von drei Vierteln vorbehalten.

  11. Die Gerichtsgebühr für das zweite Berufungsverfahren fällt ausser Ansatz.

  12. Dem Beschuldigten wird für das erste Berufungsverfahren eine reduzierte Prozessentschädigung von Fr. 7'800.- aus der Gerichtskasse zugespro- chen. Das Verrechnungsrecht des Staates bleibt vorbehalten.

  13. Dem Beschuldigten wird für das zweite Berufungsverfahren eine Prozess- entschädigung von Fr. 5'268.70 aus der Gerichtskasse zugesprochen. Das Verrechnungsrecht des Staates bleibt vorbehalten.

  14. Schriftliche Mitteilung in vollständiger Ausfertigung an

    • die Verteidigung im Doppel für sich und zuhanden des Beschuldigten

    • die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich

    • die unentgeltliche Vertretung des Privatklägers im Doppel für sich und zuhanden des Privatklägers

      und nach unbenütztem Ablauf der Rechtsmittelfrist bzw. Erledigung allfälli- ger Rechtsmittel an

    • die Vorinstanz (mit dem Ersuchen um Vornahme der Mitteilung an die zuständige Lagerbehörde sowie den erbetenen Verteidiger betr. die Dispositivziffern 6 und 7 des erstinstanzlichen Urteils)

    • das Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich, Abteilung Bewährungs- und Vollzugsdienste

    • das Migrationsamt des Kantons Zürich

    • die KOST Zürich mit dem Formular Löschung des DNA-Profils und Vernichtung des ED-Materials zwecks Bestimmung der Vernichtungs- und Löschungsdaten

    • die Koordinationsstelle VOSTRA mit Formular A.

  15. Rechtsmittel:

Gegen diesen Entscheid kann bundesrechtliche Beschwerde in Strafsachen erhoben werden.

Die Beschwerde ist innert 30 Tagen, von der Zustellung der vollständigen, begründeten Ausfertigung an gerechnet, bei der Strafrechtlichen Abteilung des Bundesgerichtes (1000 Lausanne 14) in der in Art. 42 des Bundesge- richtsgesetzes vorgeschriebenen Weise schriftlich einzureichen.

Die Beschwerdelegitimation und die weiteren Beschwerdevoraussetzungen richten sich nach den massgeblichen Bestimmungen des Bundesgerichts- gesetzes.

Obergericht des Kantons Zürich

II. Strafkammer Zürich, 6. Oktober 2021

Der Präsident:

Oberrichter lic. iur. Spiess

Die Gerichtsschreiberin:

MLaw Höchli

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